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BILDUNG

12.05.2009

Hannover: 10.000 demonstrieren gegen Abitur nach zwölf Jahren an Gesamtschulen

"Stoppt das Turbo-Abi", "Gemeinsam Lernen ohne Stress" - mit diesen und ähnlichen Forderungen auf selbstgemalten Transparenten demonstrierten am vergangenen Samstag laut Gewerkschaftsangaben über 10.000 Schüler, Eltern und Lehrer niedersächsischer Gesamtschulen durch die niedersächsische Landeshauptstadt gegen die Absicht der niedersächsischen Landesregierung, das geltende Schulgesetz dahingehend zu ändern, dass nun auch an Gesamtschulen das Abitur nach zwölf Jahren verpflichtend gemacht wird.

Zu der Demonstration hatten unter anderem der Gesamtschulverband (GGG), der Landesschülerrat und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aufgerufen. Die Landtagsfraktion der Grünen schloss sich dem Aufruf an. 44 Integrierte und Kooperative Gesamtschulen waren an der Planung der Demonstration beteiligt.

Bei der Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren in Niedersachsen waren die Gesamtschulen von dieser Neuregelung ausgenommen worden. Der Gesamtschulverband erklärte dazu, die Landesregierung habe damals den "IGSen und den nach Jahrgängen organisierten KGSen die Kompetenz ab[gesprochen], Schülerinnen und Schüler in 12 Jahren zum Abitur zu führen". Die Nachfrage nach Gesamtschulplätzen war nicht zuletzt wegen der Möglichkeit, hier das Abitur weiterhin nach 13 Jahren zu machen, gestiegen. Jetzt hat die Landesregierung ihren Kurs geändert und will nun doch das Abitur nach zwölf Jahren auch für Gesamtschulen für verbindlich erklären. Eine Möglichkeit für Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen, das Abitur erst nach 13 Jahren abzulegen, besteht dann nicht mehr. Außerdem wird durch einen solchen Beschluss tief in die innere Struktur der bestehenden Gesamtschulen eingegriffen. Schüler, die das Abitur anstreben, müssen wesentlich früher als bisher in eigenen Lerngruppen zusammengefasst werden, um die Voraussetzungen für ein Abitur nach zwölf Jahren zu erfüllen. Das widerspricht dem grundlegenden Ansatz der integrierten Gesamtschulen, die gerade das gemeinsame Lernen unabhängig vom späteren Schulabschluss als Kernelement ihres Bildungsangebots betrachten. Dazu gehört auch die Offenhaltung der Entscheidung für eine bestimmte schulische Laufbahn bis zum zehnten Schuljahr. Die Gesamtschulleiter Niedersachsens hatten in ihrer Loccumer Erklärung vom 5. März des Jahres gegen die Pläne der niedersächsischen Landesregierung protestiert. Wesentliches Strukturelement der Integrierten Gesamtschule und der jahrgangsbezogenen Kooperativen Gesamtschule sei es, so heißt es in der Erklärung, "dass sie sich als Schule für alle Kinder versteht, in der das längere gemeinsame Lernen konzeptionell verankert ist, in der die Schullaufbahnen so lange wie möglich offen bleiben und die Frage, welcher Schulabschluss erworben werden kann, erst in der 9./10. Jahrgangsstufe entschieden wird". Die GGG wertete die beabsichtigte Änderung des Schulgesetzes mit der Einführung des sogenannten Turbo-Abis nach zwölf Jahren als "verzweifelte[n] Versuch der Landesregierung [...], die starke Zunahme der Nachfrage nach Gesamtschulplätzen zu stoppen".

Auch innerhalb der CDU-Landtagsfraktion regt sich offenbar Widerstand gegen die geplanten Änderungen. Die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Ursula Körtner, war Anfang Mai zurückgetreten. Ihr Rücktritt wurde zwar nicht offiziell mit Unstimmigkeiten über die Bildungspolitik der Landesregierung begründet, jedoch berichtet NDR online, dass es zwischen Teilen der Fraktion und Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) zum Streit um den Entwurf zum Schulgesetz gekommen sei. Ursprünglich sollte der Entwurf bereits zum kommenden Schuljahr in Kraft treten. Jetzt ist als Termin für die Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren an Gesamtschulen per Schulgesetz das Schuljahr 2010/2011 geplant.

Der niedersächsische GEW-Vorsitzende Eberhardt Brandt sprach zu den Kundgebungsteilnehmern von einem Versuch der Landesregierung, "die Gesamtschulen als Alternative zerschlagen". Als Alternative zum Abitur nach acht Jahren (bezogen auf die Sekundarstufe I) forderte Brandt eine flexible gymnasiale Oberstufe, die in zwei bis vier Schuljahren absolviert werden kann: "Keine generelle Schulzeitverkürzung, sondern eine Individualisierung der Schulzeit am Anfang und am Ende der Schullaufbahn."

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