C6 MAGAZIN
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RECHT

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Bamberg, Staatsbibliothek, Msc. Bibl. 22

Bamberg, Staatsbibliothek, Msc. Bibl. 22 ist die Signatur einer Handschrift der Reichenauer Buchmalerschule, die seit 2003 zum Weltdokumentenerbe gehört. Sie enthält das Hohe Lied Salomos mit Kommentar, das Buch Daniel mit Kommentar sowie Fragmente zu anderen prophetischen Büchern des Alten Testaments. Die Handschrift, die um das Jahr 1000 geschrieben wurde, gehörte zur Ausstattung, die Heinrich II. dem von ihm gestifteten Bamberger Dom schenkte.

Beschreibung

Das Buch


Der Codex misst 25 × 18,5 cm und umfasst 88 Blatt Pergament. Er besteht aus 13 Lagen, das Lagenschema ist 2 x I, 2 x IV, I, 7 x IV, V. Vorne und hinten befinden sich ein ungezähltes Papierblatt. Von fol. 4v bis 19v und von 32v bis 88r ist der Schriftspiegel dreispaltig angelegt: Mittig der Bibeltext in 19 Zeilen in größerer Schrift, rechts und links überwiegend lateinische Randglossen in 37 Zeilen. Vereinzelt finden sich Interlinearglossen. An drei Stellen des Daniel-Kommentar trug der ursprüngliche Schreiber althochdeutsche Glossen ein. Von fol.19v bis 21v sind die Seiten einspaltig mit bis zu 47 Zeilen, von 23v bis 31v einspaltig mit 19 Zeilen beschrieben. Fol. 2r bis 3r und 22r bis 23r sind leer, auf 23v finden sich lediglich zwei Incipit-Zeilen in goldener Schrift. Der Buchschmuck besteht aus vier ganzseitigen Miniaturen, wovon zwei ganzseitige Initialzierseiten sind. Die Schrift ist karolingische Minuskel. Überschriften und Explicit sind in goldener Capitalis rustica geschrieben, die Kapitelzeichen im Buch Daniel sind goldene römische Zahlen. An Kapitelanfängen und hervorgehobenen Abschnitten finden sich Goldmajuskeln. Die Eingangsinitialen zu den Sprüchen und zum Danielkommentar sind Capitalis Rustica.

Die Handschrift wurde 1611 in der Bamberger Dombibliothek in deren Einband neu gebunden. Der mit zwei Messingschließen versehene Einband besteht aus grauem Schweinsleder, in das vorne das Wappen des Bamberger Domkapitels in Gold geprägt ist. Über den ursprünglichen Einband ist nichts bekannt. Möglicherweise war der Bamberger Daniel-Kommentar Teil einer umfangreicheren Handschrift, aufgrund zahlreicher Ähnlichkeiten in Format, Anlage, Schrift und Buchschmuck zur Handschrift Bamberg, Staatsbibliothek, Msc. Bibl. 76, einem Buch Jesaja mit Kommentar, schließt die Kunsthistorikerin Gude Suckale-Redlefsen nicht aus, dass beide Kommentare ursprünglich in einem Band vereint waren.

Inhalt


Neben dem Buch Daniel dem Hohen Lied-Kommentaren enthält der Codex auf fol. 21r und v einen Brief Cuthberts, der im zweiten Drittel des 11. Jahrhunderts in Bamberg eingetragen wurde, sowie auf den ursprünglich leeren Vorderseiten eingetragene Urkundsabschriften, die zwischen 1102 und 1108 unter Bischof Otto von Bamberg entstanden sind.

1r - 1v: Urkunde von 1122 über einen Tausch zweier Ministerialen zwischen den Bischöfen Otto von Bamberg und Ulrich von Eichstätt (Abschrift) 3v-4r: Urkunde von 1108: Bischof Otto von Bamberg beurkundet die Schenkung eines Gutes durch Wolfram von Abenberg an das Bamberger Domkapitel 5v-17v: Hohelied mit Kommentar (Alkuin Compendium in Cantica Cantorum) 18r-19v: Auszug aus einem Kommentar der Sprüche Salomos, nämlich 19v-21r: Kommentar zu den Sprüchen und zu Daniel von Beda Venerabilis 21r-21v: Brief Cuthberts über den Tod Bedas mit einem altenglischen, Beda zugeschriebenen Totenlied 23v-31r: Prolog des Hieronymus zum Buch Daniel, Inhaltsverzeichnis 23v-88r: Buch Daniel mit Kommentar

Miniaturen


Vor dem Hohen Lied und dem Buch Daniel befinden sich jeweils zwei gegenüberstehende und aufeinander bezogene Miniaturen, links eine ganzseitige Miniatur, rechts eine Incipitseite mit einer szenischen Darstellung. Die Bildfelder sind 20 x 15,5 cm groß. Die Blattränder der Miniaturen zum Hohen Lied sind in Purpurfarbe eingefärbt. Auf fol. 5R, dem Incipet zum Hohen Lied, ist das Christusmedaillon auf Goldgrund gemalt.

Zug der Auserwählten (fol. 4v)


Zentral in der Bildmitte befindet sich ein Taufbecken, in dem der Apostel Petrus einen nackten, mit einem Nimbus ausgezeichneten Jüngling tauft. Links davon befindet sich eine Gruppe von drei halbnackten Männern. Rechts vom Taufbecken beginnt ein spiralförmig um das Taufbecken angeordneter Zug der Auserwählten zum in der oberen rechten Ecke dargestellten Kreuz. Der Zug beginnt mit vier Königen mit Stufenkronen, ihnen gehen drei jüngere und zwei ältere Männer voran. Vor diesen schreiten drei jüngere Geistliche, davor ein junger Mann mit langer Tunika und Mantelpallium und fünf ältere Geistliche, die durch ihr Pallium als Erzbischöfe oder Päpste gekennzeichnet sind. Vor diesen Geistlichen befindet sich eine Gruppe von drei Frauen, von denen sich die beiden hinteren umarmen, diese Frauen weisen auf das Ziel des Zuges. Eine weitere Frauenfigur steht leicht abgesetzt vor ihnen. Dieser Frau empfängt von einer ihr entgegenkommenden Frauengestalt, der Ecclesia, einen goldenen und reichgeschmückten Kelch. Die den Kelch reichende Gestalt hält in der anderen Hand einen Kreuzstab mit Wimpel, sie trägt einen Juwelenkragen. Die Hand mit dem Kreuzstab weist segnend auf das goldene Kreuz, an dem Christus als Toter mit blutender Seitenwunde gemalt ist.

Initialzierseite O (fol 5r)


Zentral erscheint Christus in einer Gloriole, die zugleich die O-Initiale ist. Diese wird oben von zwei gekrönten Engeln gehalten. Christus thront auf einer goldenen Scheibe, die von zwei Engeln hochgehalten wird. Er erteilt mit der rechten Hand seinen Segen, in der linken hält er eine goldene Weltkugel. Innerhalb der Gloriole wird Christus von jeweils drei Cherubim flankiert. Drei Dreiergruppen halbfiguriger Engelschöre sind links von der Gloriole angeordnet, eine weitere Gruppe über ihr und zwei rechts. Unten auf der Seite befindet sich ein purpurfarbener Streifen mit dem in Capitalis rustica geschriebenen Textanschluss an die O-Initiale "SCULETUR ME OSCULO O". Darüber steigen von beiden Seiten auf einem dünnen braunen Bodenstreifen die Auserwählten zu Christus empor. Von rechts nähert sich eine Gruppe von drei Frauen, die drei Kinder führen. Von Links beginnt der Zug mit drei Frauen, vor denen zwei Paare jugendlicher Männer schreiten. Vor diesen gehen jeweils zwei Erzbischöfe mit Pallium, zwei Priester, zwei Diakone und zwei Subdiakone. Davor steht eine Gruppe von acht jüngerer Laien mit bläulicher Gesichtsfarbe. Über dieser Gruppe befindet sich eine Halbfigur der Ecclesia, die die Auserwählten über einen Engel an Christus vermittelt.

Traum des Nebukadnezar (fol. 31v)


Die Miniatur bezieht sich auf Dn 2,31-35. Links liegt König Nebukadnezar von Babylon schlafend auf einer Lagerstätte, die mit einem Kranz von Kugeln verziert ist. Ihn bewachen vier Soldaten. Über der Lagerstätte schwebt die Halbfigur eines Engels mit Stabszepter, der auf das Idol weist, das auf einer hinter der Lagerstätte angeordneten Säule steht. Das Idol besteht aus vier unterschiedlichen Materialien: Der Kopf ist Gold, Brust und Arme Silber, Bauch und Oberschenkel sind Kupfer, Knie und Unterschenkel aus Eisen. Die Füße sind aus Ton. Das Idol trägt einen antikisierenden Helm und hat die Arme beschwörend erhoben. Das rechte Bein der Statue ist gebrochen dargestellt, ein Felsbrocken in der Farbe des rechts dargestellten Felsenberges hat es getroffen und die tönernen Füße gebrochen. Auf dem Berg rechts erscheint Christus segnend, mit Kreuzstab und Kronreif ausgezeichnet, zwei Engel wenden sich ihm verehrend zu.

Initialzierseite A (fol. 32r)


Die A-Initiale steht in Gold auf unkoloriertem Pergamentgrund. Über ihr wölbt sich eine von gesprenkelten roten Säulen, möglicherweise Porphyr, gestützte Rundbogenarkade. Über dem dem Buchstaben sitzt der Prophet Daniel als Schreiber mit Tintenhorn, Pergamentrolle und Schreibfeder in einem Busch, der aus goldenen Ranken gebildet ist, die mit Blättern besetzt sind und in pfeilartigen Abschlüssen enden. Daniel blickt zur gegenüberstehenden Seite, neben seinem Kopf schwebt ein Engel, der ihm die dort abgebildete Vision des Traums Nebukadnezars eröffnet und erläutert. Innerhalb des Arkadenfeldes finden stehen vier Schriftblöcke mit dem Buchtitel und dem Textanschluss: Neben Daniels Kopf INCIPIT LIBER, links DA(NIE)L(I)S, rechts PR(OPHE)TA, unten (A)NNO.

Kunsthistorische Erkenntnisse

Paläografie


Abgesehen von den später nachgetragenen Urkundenabschriften, die von in Bamberg ausgebildeten Schreibern stammen, ist der Codex von einem Schreiber geschrieben worden, dessen Schrift relativ breit und ein wenig schräg angelegt ist und typische Züge der Reichenauer Schreibschule aufweist. Der Schreiber wirkte auch an weiteren Handschriften der Reichenau mit, insbesondere ist er auch der Hauptschreiber der Parallelhandschrift Staatsbibliothek Bamberg Msc. Bibl. 76 (Prophet Jesaja mit Kommentar.). Daneben schrieb er auch Teile des Liuthar-Evangeliars (Aachener Domschatzkammer Grimme Nr. 25) sowie eines Hoheliedkommentars des Iustus von Urgell (Zürich, Zentralbibliothek, Ms. Rh. 50)

Ikonographie


Ikonographisch sind die Miniaturen des Bamberger Daniel-Kommentar noch nicht befriedigend aufgeschlüsselt. Sie können allerdings in die apokalyptischen Gedanken der Zeit um die erste Jahrtausendwende eingeordnet werden. Ein Anknüpfungspunkt hierzu ist Dn 8, 17: "Merke auf, Menschensohn! Dann das Gesicht geht auf die Zeit des Endes."

Zug der Auserwählten


Das Motiv ist ikonographisch einmalig, was die Deutung erschwert. Meyer-Harting sieht in der Farbkomposition und der kreisförmigen Figurenanordnung einen Einfluss der Vivian-Bibel (Paris, BN, Ms. Lat. 1). Das Hohe Lied wurde im Mittelalter als Allegorie der Vermählung Christi mit der Kirche angesehen, indem die Braut als ecclesia interpretiert wurde. Die Auserwählten sind die Angehörigen der irdischen Kirche, die den Weg durch die Zeit zurücklegen, bis sie geheiligt Aufnahme in den Himmel finden. Die Spirale des Zuges ist dabei ein unvollkommenes Abbild des perfekten Kreises der himmlischen Sphäre, die Christus auf der Gegenseite umgibt.

O-Initialzierseite


Auch dieses Motiv ist ikonographisch einmalig und nicht eindeutig geklärt. Suckale-Redlefesen hält es für möglich, dass sie sich auf einen Vers des Hohelieds bezieht (Ct 1,3): Excultabimus et laetamimur in te (Jubeln und freuen wir uns in Dir). Die Randglossen des Textes kommentieren diese Stelle mit gaudia caelestis patria (Freuden des himmlischen Vaterlandes). Winterer weist darauf hin, dass Christus nicht in einer normalen Mandorla, sondern im ersten Buchstaben des Hoheliedes sitzt. Christus ist damit als der Logos hervorgehoben, nach dem sich nach dem Kirchenlehrer Origenes Kirche und Seele der einzelnen Gläubiger sehnen. Um Christus scharen sich neun Engelschöre, der zehnte Engelschor, der mit Luzifer verstoßen wurde, wird mit den aufgenommenen Gläubigen der irdischen Kirche neu gebildet. Damit weist auch diese Darstellung auf das Ende der Zeiten hin.

Traum des Nebukadnezar


Die Darstellung bezieht sich auf direkt auf das Buch Daniel und die dort wiedergegebene Deutung des Traums durch den Propheten. Das aus vier Materialien zusammengesetzte Idol auf den tönernen Füßen steht für vier vergangene Weltreiche (Babylon, Persien, Griechenland, Rom), die nicht auf der Stärke des christlichen Glaubens aufgebaut waren. Der Sturz des Idols durch den fallenden Stein kündigt das Reich Gottes an. Der im Text aus diesem Stein wachsende Berg ist nach den Glossen Bedas Christus, was durch den auf dem Berg stehenden gekrönten Christus visualisiert wird. Das Motiv des Traums Nebukadnezars kommt häufiger in Handschriften vor, oft im Zusammenhang mit endzeitlichen Vorstellungen, etwa in diversen Handschriften des Beatus-Kommentars zur Apokalypse, aber auch in byzantinischen Handschriften.

A-Initialzierseite


Der seine Deutung des Traums niederschreibende Daniel gehört motivisch zur gegenüberstehenden Seite, wobei die geringere Bedeutung der Seite durch die einfachere Gestaltung wie den pergamentfarbigen Untergrund deutlich gemacht wird. Gleichzeitig ist Daniel durch seinen erhöhten Sitz über die Ereignisse auf der gegenüberliegende Seite erhoben, lediglich Christus hat einen höheren Rang. Daniels Blick ist auf die gegenüberliegende Seite gerichtet, so dass dort eigentlich nicht Nebukadnezars Traum, sondern Daniels Vision des Traums abgebildet ist, die Daniel sofort niederschreibt. Die Ranken des A-Buchstabens scheinen mit der Niederschrift verflochten, Vision und Buch bilden eine Einheit, wobei das Buch in der Bedeutung hinter der Vision selbst zurückbleibt, da es nur eine Umsetzung der Vision in ein anderes Medium ist. In der A-Initiale übersetzt der Buchmaler den Text zurück ins Visuelle, wobei er gleichzeitig den Prozess der Textentstehung verbildlicht. Das Bild wird damit zum Prolog des Textes.

Geschichte

Die Handschrift enthält selbst keine Angaben zum Entstehungsjahr, Ort und Auftraggeber. Aufgrund der paläografischen Einordnung ist die Handschrift um 1000 im Skriptorium der Reichenau entstanden. Inhalt und der für einen Kommentarband reiche Buchschmuck sprechen für einen hochgestellten Auftraggeber mit hohen theologischen Ansprüchen . Dieses trifft sowohl für Kaiser Otto III. ( 1002) wie auch dessen Nachfolger Heinrich II. zu, beide werden als ursprüngliche Auftraggeber in Betracht gezogen. Daneben finden sich vereinzelt Stimmen, die aufgrund der hervorgehobenen Stellung von Frauen in der Miniaturen und des Auszuges aus den Sprüchen einen Frauenkonvent als ursprünglichen Auftraggeber annehmen.

Während die Frage des ursprünglichen Auftraggebers umstritten ist, besteht Einigkeit dahin, dass der Band bereits durch Heinrich II. an das Bamberger Domstift geschenkt wurde. Die beiden nachträglich eingetragenen Urkundenabschriften belegen, dass der Daniel-Kommentar bereits zu Beginn des 12. Jahrhunderts zur Ausstattung des Bamberger Doms gehörte. Zwischen 1611 und 1614 wurde der Codex mit dem übrigen Bestand der Dombibliothek einheitlich neu gebunden. Aus dem Besitz der Dombibliothek wechselte sie 1802 aufgrund der Säkularisation in den Besitz des Staates Bayern, aufbewahrt wird sie heute in der Staatsbibliothek Bamberg.

Am 26. Januar 2004 wurde der Bamberger Daniel-Kommentar zusammen mit neun weiteren Handschriften der Reichenauer Buchmalerschule in die Liste des Weltdokumentenerbes der UNESCO aufgenommen.

Literatur

  • Henry Meyr-Harting: Ottonische Buchmalerei. Liturgische Kunst im Reich der Kaiser, Bischöfe und Äbte , Stuttgart Zürich 1991, ISBN 3-7630-1216-8

  • Gude Sickale-Redlefsen, Die Handschriften des 8. bis 11. Jahrhunderts der Staatsbibliothek Bamberg, T. 1: Texte, S. 85; Wiesbaden 2004, ISBN 3-447-05117-5 (Katalog der illuminierten Handschriften der Staatsbibliothek Bamberg; 1,1)

  • Christoph Winterer: Monastische Meditatio versus fürstliche Repräsentation. Überlegungen zu zwei Gebrauchsprofilen ottonischer Buchmalerei. In: Klaus Gereon Beuckers, Johannes Cramer, Michael Imhof (Hrsg.), Die Ottonen. Kunst - Architektur - Geschichte, Petersberg 2002, ISBN 3-932526-91-0, S. 103-128.

  • Josef Kirmeier, Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter, Evamaria Brockhoff (Hrsg.): Heinrich II. 1002-1024, Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2002. Augsburg 2002, ISBN 3-927233-82-X. (Rezension)

Weblinks

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