C6 MAGAZIN
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BERUFE 22.6.2005

„Abtreibungen gehören zum Schicksal der Frau“

Jedes Jahr gibt es in Deutschland über 120.000 operative Eingriffe, die den Schwangerschaftsabbruch zum Ziel haben. Noch vor wenigen Jahren wäre solch ein Eingriff ein Verbrechen gewesen – heute gilt er zwar als Straftat, wird jedoch nicht verfolgt. Der Gynäkologe Günther J. vollzog von 1978 bis heute etwa 5.000 Abtreibungen.
Gynäkologe Günther J. - jede Woche vollzieht er etwa fünf Abtreibungen. Routine kehrt nicht ein - es ist immer ein neues Schicksal
© KARSTEN J. KLEE
Gynäkologe Günther J. - jede Woche vollzieht er etwa fünf Abtreibungen. Routine kehrt nicht ein - es ist immer ein neues Schicksal
Bereits seit 1970 übt der heute 61-Jährige den Beruf des Arztes für Frauenheilkunde aus. Im Jahre 1977 eröffnete er seine eigene Praxis in einer deutschen Großstadt, in der er noch immer arbeitet. "Ich wollte einen Beruf ergreifen, bei dem ich helfen kann. Die meisten Erfolge im medizinischen Bereich sind in der Frauenheilkunde zu verbuchen. Schon allein jede Geburt ist ein Erfolg. Man hat immer endgültige Ergebnisse – nicht solche, die beispielsweise ein Internist erlangt. Darin sehe ich meine Befriedigung."

Ein Jahr nach der Eröffnung der Praxis begann Günther J. mit Schwangerschaftsabbrüchen. "Ich habe mich dafür entschieden, weil ich nicht denke, dass zu meinem Beruf nur die Geburtshilfe dazugehört. Ich bin Gynäkologe und zu diesem Beruf gehören eben auch Abtreibungen. Ich finde, dass sowohl ungewollte Schwangerschaften, als auch Abtreibungen zum medizinischen Schicksal der Frau gehören."

Zweifel oder ein schlechtes Gewissen hatte er nie – auch bei seiner ersten Abtreibung nicht: "Solange ich weiß, dass die Entscheidung der Frau steht, sie sich sicher und über das was passiert informiert ist, bin auch ich mir sicher, das Richtige zu tun." Doch war passiert mit den Frauen, die sich nicht sicher sind? "Ich habe lieber ein Beratungsgespräch im Voraus. Da bekomme ich einen Eindruck von der Entschlossenheit der Frauen. Am OP-Tag sollen nur diejenigen in der Klinik erscheinen, die sich sicher sind. Dort soll nicht mehr diskutiert werden. Sobald ich sehe, dass noch Zweifel da sind, schicke ich die Frauen wieder zum Nachdenken nach Hause."

Ein Beruf, der niemals Routine wird

Insgesamt hat Günther J. schon etwa 5.000 Operationen durchgeführt. Jede Woche kommen mindestens fünf hinzu. Logisch wäre das Einkehren einer Routine, doch diese Schlussfolgerung ist falsch: "Nein, niemals! Bei jeder OP geht es um ein neues Schicksal! So etwas kann niemals Routine werden!"

Zwei rosa Streifen bedeuten schwanger. Für viele Frauen ist der positive Test ein Schock. Dann heißt es entscheiden: behalten oder abtreiben
© KARSTEN J. KLEE
Zwei rosa Streifen bedeuten schwanger. Für viele Frauen ist der positive Test ein Schock. Dann heißt es entscheiden: behalten oder abtreiben
Zwar wurde er religiös erzogen, doch sagt er ganz klar, seine Moral stünde nicht in Zusammenhang mit seinem Beruf. Familie und Freunde reagierten von Anfang an positiv auf seine Entscheidung. "Ich habe zwei erwachsene Töchter und auch die stehen dahinter. Sie kriegen ja selbst in ihren Bekanntenkreisen mit, wie schnell man ungewollt schwanger wird und welche Probleme dadurch entstehen können."

Doch ganz anders reagierten die Kollegen: "In den 70ern war es relativ schlimm. Wir waren hier in der Stadt nur etwa drei Ärzte, die Abbrüche durchgeführt haben und alle reagierten abweisend. Auch die Frauen, die sich zu einem Abbruch entschieden haben wurden schlecht behandelt. Wäre das Kind in den Sommerferien zur Welt gekommen, bekamen sie Dinge, wie ‚Dann kannst Du ja trotzdem in der Schule bleiben’ zu hören. Zwar gibt es auch heute noch sehr viele Abtreibungsgegner, jedoch ist es eher zum Tabuthema geworden – insbesondere unter Kollegen."

"Unfreiwillige" Abtreibung

Viele der Frauen würden sich laut Günther J. gegen eine Abtreibung entscheiden, gäbe es mehr Unterstützung von den Partnern. Sehr viele würden nur zweifeln, da sie sich dieser nicht sicher seien. "Leider ist es so, dass oft die Männer hinter einer Abtreibung stecken. Sie ‚zwingen’ die Frauen zwar nicht, das Kind abzutreiben, jedoch entziehen sie sich. Ich denke, dass der Mann keine Rolle bei dieser wichtigen Entscheidung spielen sollte. Das einzige Mitbestimmungsrecht, das ihm zusteht, ist ein ‚Ja, ich stehe dazu!’. Überhaupt ist mein Rat an alle Frauen: eine ungewollte Schwangerschaft sollte niemals am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis besprochen werden. Da hat jeder eine Antwort oder Meinung parat – mit der aber niemand etwas anfangen kann. Bei dieser Entscheidung sollten nur die Menschen befragt werden, die aktiv mithelfen und dann auch zu ihrem Wort stehen. Partner natürlich, vielleicht noch die Eltern und ganz eventuell Geschwister. Die beste Freundin hat bei dieser Frage nichts zu suchen."

Oft kommen Frauen bis zu fünf mal in die Praxis von Günther J., da sie immer wieder ungewollt schwanger werden
© KARSTEN J. KLEE
Oft kommen Frauen bis zu fünf mal in die Praxis von Günther J., da sie immer wieder ungewollt schwanger werden
Bestes Beispiel dafür: "Würde einer meiner Töchter ungewollt schwanger sein, würde ihr helfen, wenn ich ihr sage, dass sie finanziell von mir unterstützt wird oder ich ihr eine Wohnung anbiete. Ein einfaches ‚Ich bin dafür’ oder ‚Ich bin dagegen’ bringt ihr gar nichts!" Manche der Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch bei Günther J. hinter sich haben, kommen wieder. "Zum Teil sind sie fünfmal bei mir. Selten, aber es kommt vor. Mehrere hingegen haben schon zwei oder drei Abtreibungen hinter sich. Leider." Wieso, weiß keiner. Der Gynäkologe vermutet, dass nur die wenigsten Abtreibungen aufgrund von Verhütungsfehlern stattfinden. Meist eher aufgrund fehlender Verhütung. "Ich glaube, dass sehr oft ein unbewusster Schwangerschaftswunsch existiert. Oder der Wunsch zu sehen, was die Beziehung aushält. Oft will man es bestimmt auch darauf ankommen lassen und manchmal geht es eben schief."

Günther J. hat es nur selten erlebt, dass Frauen nach der Abtreibung psychische Probleme bekommen. "Wenn die Entscheidung vorher stand, ist sie danach noch dieselbe." Auch körperlich gab es selten Beschwerden. Ziehende Schmerzen an den Tagen direkt nach der OP seien normal.

Straftäter, die nicht verfolgt werden

Bereits beim Beratungsgespräch mit Pro Famila wird man darüber aufgeklärt, dass man mit einer Abtreibung eine Straftat begeht. Für die manche Patientinnen kann dies abschreckend wirken. "Ich kann nicht erklären, warum dies eine Straftat ist, die nicht verfolgt wird. Auf jeden Fall ist es eine seltsame Konstruktion. Vielleicht kann man es mit Mundraub vergleichen – auch der wird nicht verfolgt. Ganz einfach deshalb, weil es ein Grundbedürfnis ist zu Essen. Wahrscheinlich konnte man sich hier nicht entscheiden, ob eine Bestrafung wirklich gerechtfertigt ist. Ein wichtiger Punkt ist gewiss, dass die Hemmschwelle höher ist, wenn man durch die OP eine Straftat begeht. Aber ich fühle mich keineswegs als Straftäter, schließlich handle ich im Auftrag der Frauen und nicht gegen ihren Willen."

Zu diesem Thema hat Günther J. eine interessante Geschichte erlebt: "Damals, als Abtreibungen noch begründet werden mussten, wurde ich auf einmal nach einem Abbruch von betroffener Frau angezeigt. Sie gab bei der Staatsanwaltschaft an, dass ich hätte erkennen müssen, dass sie mich angelogen hat und die genannten Gründe nicht der Wahrheit entsprachen. Ich wusste nicht, dass ich auch die Aufgabe habe die mir vorgetragenen Gründe auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Natürlich kam sie damit nicht durch." Er lacht.

Von Abtreibungsgegnern hält Günther J. nicht allzu viel: "Die meisten dieser Menschen sind alte, kinderlose Männer. Sie sollten mal ein paar Wochen alleine mit ein paar kleinen, schreienden Kindern verbringen. Danach würden sie ihre Meinung gewiss ändern. Auch bei Frauen ist zu beobachten, dass sie mit steigendem Alter immer vorsichtiger in ihren Aussagen werden und eventuell sogar zu Befürwortern werden. Ich persönlich habe keine Meinung zu Frauen die abtreiben. Es ist ihr Leben – ich will nur, dass sie sich ihrer Entscheidung sicher sind."

Der Gynäkologe wird noch solange es geht Abtreibungen durchführen - ohne jegliches schlechtes Gewissen. Zwar sei das Thema heikel, jedoch wird man sehen, wie es sich in Zukunft entwickelt. "Ich bin froh, dass ich meinen Beruf vollständig ausüben und helfen kann, ohne, dass mir Steine in den Weg gelegt werden."
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Artikel vom 22. Juni 2005

Weiterführende Links
- Pro Familia
- Informationen zum Schwangerschaftsabbruch

Kommentare über Berufe

Maria am 29.09.2006:
ach ja,es geht hier schliesslich nicht um das Glueck der Frauen,es geht um ein MENSCHENLEBEN!
Wie egoistisch ist diese Gesellschaft ueberhaupt!
Wenn Gott dieses Leben eingehaucht hat,kann er erst recht dafuer spaeter sorgen!

Dieser Mann ist der Bruder des teufels!


Maria am 29.09.2006:
Vielleicht solltet ihr euch mal lieber ueber den Ursprung ungewollter Kinder Gedanken machen!Kein Wunder,eure Toechter haben ja schon im Alter von 12 ihren ersten Freund.
Ins Bett wollt ihr alle und euren Geluesten nachkommen,und dann treibt ihr ab und begeht die zweite Suende!
Schaemen sollen sich die,die grundlos Kinder ERMORDEN!


Caroline am 22.05.2006:
Ich möchte mich Wolfgang anschließen! Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, dass es hauptsächlich zwei Gruppen gibt, die lauthals gegen Abtreibungen sind?

Da wären zum einen die Männer, die niemals auch nur im entferntesten eine Ahnung haben können, wie man sich fühlt wenn man ungewollt schwanger ist und zum anderen Frauen, die nicht abgetrieben haben. In dem Punkt stimme ich Wolfgang nicht zu: man liest und hört meist nur Proteste der Frauen, die ungewollt schwanger waren und NICHT abgetrieben haben!

Höchst interessant ist es ja, dass man nur selten von Frauen hört, die nach der Abtreibung etwas bereut haben oder nicht mehr mit sich und der Welt klarkommen. Ich bin mir sicher, dass der, der sich diesen Schritt gründlich überlegt hat danach sehr glücklich sein kann!


Wolfgang am 22.05.2006:
Es gibt zwei Arten von Abtreibungsgegnern:
Erstens "Der Gutmensch" - darunter viele Frauen, nicht wenige, die selbst mal abgetrieben haben und jetzt "was gut machen" wollen oder die, die sich was einflüstern lassen von der zweiten Gruppe, die Frauen gerne wieder zurück an Heim und Herd hätten, sie zu Gebärmaschinen reduzieren wollen. Darunter viele Kirchenfuntionäre / Priester.

Es ist gar keine Frage ob Abtreibung erlaubt oder verboten sein muß.
In allen Ländern wo Abtreibung verboten ist, gibt es illegale Abtreibungen.
Nicht wenige Frauen sterben an den Folgen solcher Engelmacher.
Wer gegen Abtreibung ist, will kein Leben schützen ? er gefährdet Leben!


Michael am 21.04.2006:
Ein Prachtexemplar von Arzt- warum sich Sorgen um Moral machen wenn legaler Mord die taschen füllt. Und Abtreibungsgegener sind nach Meinung dieses intellektuellen SChwachmaten nur alte, KINDERLOSE! Männer denen zur Abschreckung kindergeschrei angedroht wird. Ein schöner Hinweis was der Herr Doktor von Kindern hält: schreien und stören nur, also weg damit.


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