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WISSENSCHAFT

16.03.2011

Atomkatastrophe in Japan: Angst vor dem Super-GAU

Die Situation um das Kernkraftwerk Fukushima 1 im Nordosten Japans spitzte sich gestern weiter dramatisch zu. Das nach dem verheerenden Erdbeben und dem anschließenden Tsunami am vergangenen Freitag schwer beschädigte Kernkraftwerk steht möglicherweise kurz vor einer Kernschmelze. Bisher wurden vier Explosionen in den insgesamt sechs Siedewasserreaktoren des Kernkraftwerks gemeldet. Am Dienstag wurde bekannt, dass möglicherweise auch die innere Hülle eines Reaktors beschädigt wurde. Das bestätigte die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA). Die Betreiberfirma Tokyo Electric Power Company (TEPCO) bezeichnete die Situation in ihrem Kernkraftwerk als "sehr schlimm".

Die französische Atomsicherheitsbehörde stufte den Kraftwerksunfall in Japan nach der international anerkannten Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES-Skala) in die Stufe 6 der sieben Stufen umfassenden Skala ein. Die Stufe 7 wurde bisher nur von dem Kraftwerksunfall in Tschernobyl (1986) erreicht. Die Stufen 6 und 7 werden auch als Super-GAU bezeichnet - eine Situation, die nicht mehr mit herkömmlichen Mitteln wie den üblichen Notfallplänen eines Kernkraftwerks beherrschbar ist. Die INES-Skala wurde Anfang der 90er-Jahre von der IAEA eingeführt.

Auslöser der mehrfachen Explosionen im KKW Fukushima 1 war ein Ausfall der externen Stromversorgung der Reaktoren, wodurch die Dieselgeneratoren nicht mehr funktionierten, die die Notkühlung der Reaktoren im Notfall sicherstellen sollen. Als Folge davon kam es zu einer Überhitzung der Brennelemente im Reaktorkern. Am Samstag war es in den Reaktoren 1 und 3 zu Wasserstoffexplosionen gekommen, bei denen die Außenhülle der betroffenen Reaktorblöcke ganz oder teilweise zerstört wurde. Die Brennstäbe in Reaktorblock 2 lagen am Dienstag trocken, so dass eine Überhitzung drohte. In einem Lager für verbrannte Brennstäbe in Block 4 kam es am Dienstag zu einem Brand, wobei ebenfalls die äußere Wand des Reaktors beschädigt wurde. In einem Abklingbecken für verbrauchte Brennstäbe in Block 4 fiel die Wasserkühlung aus. Nun wird versucht, Block 4 mit Wasser aus Hubschraubern zu kühlen. Auch in den drei anderen havarierten Reaktorblöcken ist die Kühlung der Brennstäbe ausgefallen. Bereits seit Samstag versuchen Kraftwerkstechniker die überhitzten Reaktoren mit einer Mischung aus Meerwasser und Borsäure zu kühlen. Mit der Borsäure sollen Neutronen, die bei der Kernspaltung entstehen, "eingefangen" werden, um so die stattfindenden Zerfallsprozesse in den Brennstäben zu verlangsamen und die Brennelemente so zu kühlen. Wenn Brennelemente längere Zeit frei liegen, droht eine Überhitzung, was zu einer Kernschmelze führen kann. Experten gehen von einer sehr kritischen Situation in dem Kernkraftwerk aus. Ihrer Ansicht nach besteht die Möglichkeit einer Kernschmelze in drei der insgesamt sechs Reaktoren.

Die Regierung gab gestern einen "beträchtlichen Anstieg" der Strahlung in der Umgebung des havarierten Kernkraftwerks Fukushima 1 zu. Kurzfristig traten in der Nähe eines Reaktors gestern Spitzenwerte einer Strahlenbelastung von 400 Millisievert pro Stunde auf. 100 Millisievert pro Jahr gelten als krebserregend. Die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete am Dienstag, die Betreiberfirma habe einen großen Teil der Mitarbeiter aus dem havarierten Kraftwerk abgezogen. Die Kontrollräume des Reaktors waren zeitweise einer so hohen Strahlendosis ausgesetzt, dass dort niemand mehr arbeiten konnte, ohne Gesundheit und Leben zu gefährden.

Die Strahlenbelastung in der japanischen Hauptstadt T?ky?, die 100 Kilometer von dem instabilen Kernkraftwerk entfernt ist, erhöhte sich gestern um das Zehnfache. Eine akute gesundheitliche Gefährdung besteht nach Behördenangaben jedoch zurzeit noch nicht. Der Wind transportierte radioaktive Partikel in Richtung auf die 35-Millionen-Metropole. Die Einwohner reagierten mit Hamsterkäufen auf die Gefährdungslage.

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