Eine Tibiale Hemimelie oder ein Tibialer Längsdefekt bezeichnet das angeborene Fehlen (Aplasie) oder die Unterentwicklung (Hypoplasie) der Tibia. Sie kann isoliert, häufiger aber in Verbindung mit Fehlbildungen am Fuss medial sowie einer Varusstellung im Rückfuss einhergehen.
Synonyme sind: Tibiaaplasie, Tibiale longitudinale Hypoplasie, Paraxiale longitudinale Hypoplasie; engl. congenital longitudinal tibial deficiency; congenital tibial hemimelia.
Häufigkeit
Diese seltene Erkrankung kommt bei 1 auf einer Million Neugeborener vor.
Ätiologie
Die Ursache ist nicht bekannt, da aber verschiedentlich vererbbare Fälle beschrieben wurden, wird eine genetische Beratung empfohlen.
Einteilung
Für die Behandlung gebräuchlich ist die Klassifikation nach Kalamchi und Dawe:
- Typ I Aplasie der Tibia, Fuss adduziert, + eventuell fehlende Strahlen medial
- Typ II Tibia nur distal fehlend, Artikulation zum Femur erhalten
- Typ III Dysplasie der Tibia distal mit tibiofibulärer Diastase (Fehlanlage der Sprunggelenksgabel)
Klinik
Nur bei 50 % ist der Fuss normal angelegt, meist fehlen mediale Strahlen des Fusses, Knochenkerne des Rückfusses sind fusioniert (Sprungbein#Fehlanlagen)
Gehäuft treten weitere Fehlbildungen auf. Unter anderem:
- Syndaktylie
- Polydaktylie
- Femurhypoplasie
- Kryptorchismus
Je nach Ausmass des Fehlens der Tibia kniegelenksnahe besteht eine Kniebeugekontraktur und verminderte Aktivität der Oberschenkelstreckmuskulatur.
Diagnostik
Bereits im Mutterleib kann während einer Ultraschalluntersuchung die Fehlbildung erkannt werden, die Verkürzung und Fehlstellung des Unterschenkels ist nach der Geburt offensichtlich. Ein Röntgenbild kann das Ausmass der Fehlbildung sowie zusätzliche knöcherne Veränderungen dokumentieren. Mittels Sonographie können die knorpeligen Anlagen und deren Stellung zum Gelenk sicher dargestellt werden, wesentlich bei den Typen II und III.
Differential-Diagnostik
Abzugrenzen ist das Eaton-McKusick-Syndrom mit Mehrfachbildungen der Grosszehen und 6 fingrigen Händen, triphalangaealen Daumen.
Behandlung
Die Behandlung sollte so bald als möglich an einem kinderorthopädischen Zentrum erfolgen und richtet sich nach dem Typ der Fehlbildung:
- Typ I: Orthese, bei guter Oberschenkelfunktion kann operativ eine Unterstellung der Fibula unter den Femurknochen (Zentralisation) erfolgversprechend sein.
- Typ II: Zur Stabilisierung des Kniegelenkes Verbindung des distalen Tibiaanteiles an die Fibula.
- I. I. I. Typ: Hier muss operativ ein funktionelles Sprunggelenk erzeugt werden
Weblinks
Literatur
- F. Fernandez-Palazzi, J. Bendahan, S. Rivas: Congenital deficiency of the tibia: a report on 22 cases. In: Journal of Pediatric Orthopaedics. (Br), 7, 1998, S. 298.
- F. Hefti: Defektmissbildungen an den unteren Extremitäten. In: Der Orthopäde. 37, 2008, S. 381-402.