C6 MAGAZIN
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BERICHT 5.6.2002

Sexueller Missbrauch in der Familie

Es fällt den Betroffenen schwer, darüber zu reden. Sie schweigen. Viele ein Leben lang. Sie schämen sich, haben Angst. Doch in ihrer Seele lastet ein unheimlicher Druck. Die meisten geben sich selbst die Schuld daran. Die Täter kommen meist ungeschoren davon.

© C6
Nächtelang liegt Sina wach. Sie leidet unter Schlafstörungen, Angstzuständen, Herzrasen, Depressionen. Vier Selbstmordversuche hat sie hinter sich. Eine Beziehung hatte sie schon lange nicht mehr. Sie meidet die Öffentlichkeit. Lieber schließt sie sich zu Hause ein.

Sina hat das Schlimmste überstanden. "Die räumliche Trennung hat mir gut getan, aber es ist noch lange nicht vorbei. Jetzt muss ich mein Leben alleine in den Griff kriegen." Es fällt ihr schwer, überhaupt etwas zu tun. Manchmal sitzt sie einfach nur da. Sie lebt alleine, und macht derzeit ihre Erstausbildung über das Arbeitsamt. Heute ist sie 23 Jahre alt.

Wie Sina damals, geht es heute vielen Kindern. Alleine im Jahr 2001 verzeichnete das Bundesministerium des Innern 15.117 Fälle von Kindesmissbrauch in der Familie. Die Fälle von Missbrauch durch Schutzbefohlene noch nicht mit eingerechnet. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher, denn oft werden diese Straftaten nicht erkannt oder angezeigt. Sie erscheinen also auch in keiner Statistik.

Was ist Missbrauch?

Missbrauch beginnt dann, wenn die Rechte auf sexuelle Selbstbestimmung des Jungen oder des Mädchens verletzt werden. Besonders bei sexueller Gewalt in der Familie ist dieser Übergang nur selten leicht zu bestimmen. Meist hält man sich an die Sexualnormen, die innerhalb der Familie gelten.

Anzeichen auf Missbrauch
Anzeichen, die auf Missbrauch hindeuten können, und ernst genommen werden müssen. Natürlich sind es nur Anhaltspunkte. Selbst wenn kein Missbrauch vorliegt, sollte man den Ursachen für bestimmte Verhaltensweisen herausfinden. Schlafstörungen, Geschlechtskrankheiten, Schwangerschaften, Bettnässen, Essstörungen, Ängste, Schmerzen, Zwänge, Depressionen, auffälliges Sexualverhalten, geringes Selbstbewusstsein, Suizidversuche, sich selbst Verletzungen zufügen
    
 
In einer Familie, in der Kinder gewohnt sind, ihre Eltern nackt zu sehen, ist es noch kein Anzeichen von sexueller Ausbeutung, wenn der Vater sich im Badezimmer aufhält, während die Tochter/der Sohn badet. Schämt sich das Kind jedoch, und bittet den Vater, sie/ihn alleine zu lassen, und entspricht der Erwachsene diesem Wunsch nicht, dann beginnt damit die Verletzung des Rechts auf Selbstbestimmung des Mädchens oder Jungen. (Buchzitat: Ursula Enders)

Nicht alleine die Praktiken oder der körperliche Schmerz, der den Kindern zugefügt wird, verletzen. Vor allem die Demütigungen, die es über sich ergehen lassen muss, sind traumatisch. Viele finden nicht einmal die richtigen Worte dafür, um zu beschreiben, was ihnen in Kindesalter widerfahren ist. Sie werden von den Tätern seelisch zerstört, nur als Sexualobjekt angesehen. Das gibt den Überlebenden das Gefühl, nichts wert zu sein. Dieses Trauma zieht sich durch das ganze Leben, wenn den Betroffenen nicht die Möglichkeit geboten wird, das Tabu des Schweigens zu brechen.

Bekommt man keine Gelegenheit, den Missbrauch zu verarbeiten, besteht die Gefahr, "anzusacken". Von der Umwelt werden diese Menschen als Loser angesehen, Versager, die nichts erreicht haben und auch nie etwas erreichen werden. Was dahinter für ein Schicksal stehen kann, ist den wenigsten bewusst.

Die Gewalt wird unterschiedlich erlebt. Dabei spielen die Intensität der Täter-Opferbeziehung sowie der sexuelle Entwicklungsstand zur Zeit des Missbrauchs eine Rolle. Letztendlich kann man sagen, dass jedes Kind das Urvertrauen verliert. Schamgefühle, Angst, Sprachlosigkeit, Vertrauenslust … Nur, um einige wichtige Punkte aufzuzählen. Womit bewiesen wäre, dass sexuelle Gewalt erhebliche Entwicklungsstörungen hervorrufen kann.

Darüber reden

Die Schwierigkeit, den Missbrauch in Worte zu fassen, wird den Betroffenen oft zum Vorwurf gemacht. Oft hören sie Sätze wie: "Du hast ja nie etwas gesagt." Das deprimiert noch zusätzlich. Denn jedes Kind entwickelt seine eigenen Widerstandsformen. Dem Täter durch geschickte Ausreden (kommt so eine Lüge ans Tageslicht, wird das Kind als verlogen hingestellt, man glaubt ihm nichts mehr) versuchen, aus dem Weg zu gehen ist nur eine Sache. Viele legen sich bekleidet ins Bett, bauen kleine Alarmanlagen, indem sie Spielzeug vor die Tür legen. Betritt der Täter das Zimmer, wacht das ganze Haus auf.

Es liegt nun an den Eltern/Verwandten, diese Hinweise richtig zu deuten. Wichtig ist dabei, mit den Kindern zu reden und sie ernst zu nehmen. In Familien, wo über Probleme und Konflikte nicht gesprochen wird, weiß das Kind nicht, an wen es sich wenden soll. Es ist somit dem Psychoterror des Täters schutzlos ausgeliefert.

Dagegen in Familien, in denen man miteinander spricht und eine Vertrauensperson da ist, die ein Auge auf das Verhalten eines Kindes wirft, werden solche Anzeichen ernst genommen und genauer beobachtet. Man kann dann auf das Kind zugehen, und herausfinden, was nicht stimmt. "Egal, was es ist, und wenn es noch so schlimm ist. Du kannst mit mir darüber reden. Wir finden schon einen Ausweg", ermuntern das Kind, sich anzuvertrauen.

Leider verschließen viele Unbeteiligte die Augen vor dem, was sie vielleicht insgeheim ahnen. Aus Angst, die Familie könne auseinander brechen. Es geht vielleicht einfach über ihre Vorstellungskraft hinaus, dass es in "ihrer" Familie zu solchen Vorfällen kommen könnte. Die Schuld wird unterbewusst dem Kind gegeben, die Täter weiterhin in ihren Machenschaften geschützt. Werden solche Übergriffe geduldet, wird man zum Mittäter! Meistens sind es die Betroffenen selbst, die dem Missbrauch ein Ende setzen.

Weit verbreitet ist auch die Meinung, "so etwas" kommt nur in den unteren sozialen Schichten vor. Dabei zieht sich der Missbrauch an Kindern durch alle gesellschaftlichen Schichten.

Täter denken, sie haben ein Recht auf das Kind. Vielen ist noch nicht bewusst, dass der Missbrauch eine schwere Straftat ist. Auch, wenn die Opfer etwas anderes eingeredet bekommen, Missbrauch ist eine schwere Straftat, die gesetzlich verfolgt wird. Verschiedene Polizeidirektionen haben besondere Dienststellen eingerichtet, die sich ausschließlich mit solchen Fällen beschäftigen. Die Mitarbeiter sind besonders geschult worden, und gehen auf die Betroffenen (kindgerecht) ein.

Beraten lassen

Bevor man sich zu einer Anzeige entschließt, sollte man sich vorher an eine Beratungsstelle wenden. Dort bekommt man Tipps und Informationen. Für die Überlebenden bedeutet es nämlich, alles noch einmal durchmachen zu müssen. Erst, wenn man stabil genug ist, und sich in therapeutischer Behandlung befindet, sollte man diesen letzten Schritt wagen. Eine überstürzte Anzeige bringt nicht viel, wenn das Opfer zusammenbricht. Wann der richtige Zeitpunkt ist, muss jeder für sich entscheiden. Therapeuten und geschulte Mitarbeiter von Beratungsstellen helfen.

Niemand, der so etwas nicht durchmachen musste, kann nachvollziehen, wie sich ein Kind oder Jugendlicher fühlt, der sexuell missbraucht wurde. Die Opfer haben "lebenslänglich"! Die Betroffenen nennen sich selbst "Überlebende".
rk
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Artikel vom 5. Juni 2002

Weiterführende Links
- Das komplette Interview mit Sina
- Schattenseiten: http://www.die-schattenseiten.de

Kommentare über Bericht

Ein Betroffener und Überlebender am 17.02.2004:
Hallo,

danke für den guten und kompetenten Beitrag. Ich kann in allen Punkten nur zustimmen.


Dieser Artikel hat eine sogenannte Kurz-Adresse:
http://archiv.c6-magazin.de/06/themen/sexueller_missbrauch/

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