C6 MAGAZIN
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POLITIK

28.01.2004

Die heutige Elite "ist eine einzige Fehlbesetzung"

Der renommierte Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis hat scharfe Kritik an den Politikern in Deutschland geübt. Der Kampf um die Macht sei das Einzige, was diese Generation wirklich interessiere. "Sie ist eine einzige Fehlbesetzung", sagte er dem Hamburger Magazin stern in seiner am Donnerstag erscheinenden Ausgabe. Heute regierten "Leichtfertigkeit und Mittelmaß". Statt mit Fachbeamten Gesetze handwerklich sauber vorzubereiten, umgäben sich die Minister "lieber mit Jasagern und Schmeichlern". Hennis vermisst vor allem Anstand und Ernsthaftigkeit: Während die Bevölkerung mit der Gesundheitsreform zurecht kommen müsse, sitze die politische Elite "schenkelklopfend und grinsend bei Sabine Christiansen. Die sind komplett abgehoben."

Politik und Öffentlichkeit müssten grundsätzlich anderen Gesetzen gehorchen als die Marktwirtschaft. "Politiker, die diesen Unterschied nicht kapieren, haben in der Politik nichts verloren", fordert Hennis.

Bundeskanzler Gerhard Schröder attestiert Hennis "zu viel Selbstgefälligkeit, Prinzipienlosigkeit und Schnöselhaftigkeit". "Was diesem Land von Bundeskanzler zu Bundeskanzler mehr abhanden kommt, sind Wille und Fähigkeit zu politischer Führung." Bereits Helmut Kohl ("ein reiner Provinzpolitiker") habe sich als "Verhängnis für die CDU" erwiesen. Politiker selbst behandelten die Politik nur noch wie ein Waschmittel, das sie verkaufen wollten. Es werde kaum noch wirklich konzeptionelle Politik gemacht, alles drehe sich um die Verpackung, und die sei meist verlogen.

Ein politisches Gemeinwesen mache man zuerst dadurch kaputt, indem man seine Sprache zerstöre, kritisierte der 80-Jährige im stern. "Die Bundesanstalt für Arbeit heißt jetzt Bundesagentur. Was für ein Unfug, was für Kosten! Aus Arbeitslosen werden 'Kunden'. Wem nützt das, außer denen, die sich solchen Unsinn ausdenken und sich dafür bezahlen lassen?" Die zu beobachtenden Phänomene seien Anzeichen eines Verfalls der politischen Ordnung. "Und ich sehe in der politischen Klasse niemanden, der das aufhalten kann - und will. Die haben sich ja alle wunderbar eingerichtet in diesem System."

Wilhelm Hennis lebt in Freiburg, wo er bis zu seiner Emeritierung 1988 Professor für Politikwissenschaft war. Er war Assistent bei Carlo Schmid, zunächst Mitglied der SPD und nach seinem Austritt 1971 für kurze Zeit Mitglied der CDU. Hennis gilt als einer der letzten großen Politologen in Deutschland. (Original Pressetext)

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