C6 MAGAZIN
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FERNWEH 20.10.2006

Das Territorium der Ferne

Reisen ist heutzutage in unseren Breitengraden zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Nichts ist leichter als einen Flug zu buchen und den Reiseführer einzustecken. Und doch, während wir die entlegendsten Winkel der Welt auf Digitalkameras festhalten, sind uns die Hintergründe des Reisens oft nicht bewusst. Welche Funktion hat das Reisen? Was suchen wir in der Ferne? Und überhaupt: Wo fängt sie an?
Jede Reise beginnt auf einer Strasse
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Jede Reise beginnt auf einer Strasse
Matthew stellt sich an die kleine Mauer und lässt den Blick über den Bosphorus schweifen. Er fummelt ein Stück türkische Pistazienschokolade hervor, rückt seine Strickmütze auf dem Kopf zurecht und denkt an seine Heimat in Kanada: "Es ist wie Tag und Nacht. Ich weiss gar nicht ob es überhaupt eine Moschee gibt in Winnipeg." Vor ihm schlängelt sich die minarettbespickte Silhouette Istanbuls von allen Seiten her zum Wasser hin. Carlos, ein ausgemacht eitler Austauschstudent aus Mexiko, nimmt ihm die Frage ab: "In meiner Stadt gibt es aus jeden Fall keine Moscheen. Nur Kirchen. Überall nur Kirchen."

Er scheint sich beim Gedanken an sein fernes Zuhause emotional schnell zu erhitzen: "Ja, es ist völlig verrückt hier zu sein, hier zu leben, auf der anderen Seite der Erde, und an Mexiko zu denken." Neben ihm steht Kamila und nickt etwas gedankenverloren, eine wortgewandte Polin, die aus Warschau eingeflogen ist, um an einer Konferenz zur Türkei in Europa teilzunehmen: "Die Heimat sieht von hier ganz anders aus. Aber so gross sind die Unterschiede nicht. Das wahrlich Verrückte für mich ist, dass ich mir nicht sicher bin, was ich auf der Welt erstaunlicher finde: die Unterschiede oder die Ähnlichkeiten."

Nur die, die in der Ferne sind, kommen zurück

In den ersten vier Monaten diesen Jahres sind weltweit 236 Millionen Menschen als Touristen in ein fremdes Land eingereist. 2005 waren es insgesamt über 800 Millionen. Diese Zahlen umfassen jedoch auch Studenten wie Carlos, und Geschäftsreisende wie Kamila. Der Tourismus boomt, spätestens wieder seit 2004, nach dem spürbaren Rückgang der internationalen Besucherzahlen in Verbindung mit der SARS-Epidemie, dem Irak-Krieg und der Tsunami-Flutwelle in Asien. Allen voran sind es die Europäer, die sowohl die Zeit, als auch das Portemonnaie haben, ihren Reiselüsten nachzugeben: Weit über 400 Millionen Besucher jährlich, oder knapp 60 Prozent aller Touristen kommen aus unseren Gefilden. Was treibt diese Zahlen? Die Sonne? Die Hormone? Was hat es also auf sich, mit diesem Fernweh?

Der schnellste Weg in die Ferne führt über  die Wolken
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Der schnellste Weg in die Ferne führt über die Wolken
"Ich musste raus aus meiner Stadt," sagt Matthew und zieht zweimal ruckartig an seiner Zigarette. Er schaut etwas schelmisch aus den Augenwinkeln und fügt hinzu: "Ich habe mir das Flugticket gekauft und meine Sachen gepackt; und dann habe ich mich verliebt." Kamila wirft den Kopf zurück und lacht: "Das ist so typisch." In der Runde scheint grosse Übereinstimmung zu herrschen, über dieses Ankerwerfen vor der Abreise: Dieses Klammern an ein Gefühl der Intimität, das Verlangen dem Abschied Gewicht zu verleihen, Tiefe zu spüren, Beziehungen in sich aufzusaugen, als ob man eine Garantie dafür suchte, dass man für einen bestimmten Menschen zurückkommt, ja, dass es überhaupt einen Rückflug geben wird. Es war, in gewisser Weise, die unterbewusste Entscheidung für eine Wiederkehr, und gleichzeitig die Schaffung einer Welt, die nur solange existiert als man sie wieder verlässt. Es ist nämlich die Erfahrung und das Bewusstsein einer Zugehörigkeit, die die Ferne auf den Plan ruft. Ohne Nähe kann es keine Ferne geben. Ohne Heimat ist jeder Ort bloß ein Ort. Die Ferne existiert nicht. Sie entsteht erst als das massive Nebenprodukt eines identitätsstiftenden Zufluchtsortes.

Ein Vergleich mit der Heimat

Aber was gibt sie uns, die Ferne? Was verspricht sie uns, außer einem klimatischen Kontrastprogramm, sprachlicher Entrissenheit, hedonistischer Urlaubslaune, flatternden Hormonen und dem Exotismus des Unbekannten? Viel mehr als das: Sie eröffnet die Aussicht auf einen lang ersehnten Ausgleich zwischen dem was wir wissen und kennen, und dem was wir lediglich ahnen. Sie gibt uns die Möglichkeit, die Heimat der unzähligen Anderen mit unserer eigenen zu vergleichen.

Denn so profan es auch scheinen mag, die Funktion des Reisens ist der Vergleich. Die Entdeckung ist ebenso Teil von ihm, wie die Überprüfung und Wahrung einer Identität. Und so unterteilen wir, größtenteils unterbewusst, die erlebten Unterschiede in Bewunderns- oder Beneidenswertes einerseits und Befremdliches oder Beklägliches andererseits, je nachdem wie wir es in Bezug auf unsere Heimat erfahren.

Das Land des Grüneren Grases

Wie durch eine abstrakte Grenzziehung quer über die Weltkarte entsteht die Ferne also überall dort, wo wir eine kollektive Identität vermissen. Andererseits besteht sie auch nur solange, wie wir sie vermissen. Denn wenn wir aufhören Reiseziele als eine Art Anti-These zum uns vertrauten Lebensraum zu erfahren, verlieren sie ihren Charakter der undurchdringlichen Fremdheit, und verschwinden von der Landkarte der Ferne.

Fernweh ist in diesem Sinne das Verlangen nach der Herausforderung der eigenen Situation. Als Gefangene unseres Alltags und unserer Beziehungen erwarten wir von der Ferne die Gelegenheit, jegliches Gefühl der Nähe zu überdenken. Um die Beschaffenheit einer komplexen Struktur zu erkennen, braucht es oft eine gewisse Distanz. So wie ein Baumeister die Tragfähigkeit seines Gebäudes nicht endgültig von Innen ermitteln kann, müssen wir uns ab und zu aus unseren vertrauten Umständen entfernen, um Gewissheit darüber zu erlangen, was sie uns bedeuten. Und somit ist ein zentrales Axiom aus der kleinen Geographie des Reisens umrissen: Die Ferne ist das Land des grüneren Grases, das es zu erreichen gilt, bevor es wieder möglich ist, nach Hause zu wollen. Es sei denn, wir haben ein neues Zuhause gefunden.
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Artikel vom 20. Oktober 2006

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