C6 MAGAZIN
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REISEN 19.10.2006

Halligalli im Ostblock

Sie braucht den Massentourismus und leidet doch darunter: Die bulgarische Schwarzmeerküste. Scharen von Touristen zieht es jährlich auf den Balkan – Parole: „Komfort, aber billig!“ Bulgarien sucht seinen Platz zwischen Aufschwung und Ursprünglichkeit - und vergisst, dass es mehr zu bieten hat, als eine Partyküste.
Schattenseiten eines Landes: Obwohl Bulgarien wirtschaftlich aufblüht, gehört es zu den ärmsten Ländern Europas.
© JULIANE KAELBERLAH
Schattenseiten eines Landes: Obwohl Bulgarien wirtschaftlich aufblüht, gehört es zu den ärmsten Ländern Europas.
Reisekataloge lügen. Sie gaukeln einem hellblaues Meer vor und goldgelbe Strände, traumhafte Landschaften und viel Kultur. Burgas steht nur selten im Reisekatalog. Aber jeder, der behauptet, die zweitgrößte Stadt der bulgarischen Schwarzmeerküste sei eine Reise wert, war entweder noch nie dort oder hat ein eigenartiges Verständnis von Schönheit. In den 60er Jahren hat die sozialistische Architektur auch in Burgas ihre hässlichen Kinder geboren - fahle Wohnblockschluchten und Betonkästen, umrahmt von akkurater, aber liebloser Gartenkunst: Koniferen, Grasflächen, Studentenblumen.

Ein Land im Kampf mit sich selbst

Der Smog greift nach der Stadt. Klapprige Ladas sind die einzigen fahrenden Farbkleckse in der graubraunen Trübe. Nachmittags wütet der Berufsverkehr und die einzige Möglichkeit, sich davor zu retten, ist die Altstadt, wo die Straßen sogar zu klein für einen Stau sind. In Hafennähe wird die Stadt wieder faszinierend: Die Häuser sind zwei-, höchstens dreistöckig, pastellfarben, mit kleinen Loggien oder Balkons. Straßencafés, kleine Läden und Boutiquen säumen die Gassen, Menschen plaudern miteinander: Hier wird nicht gehetzt, hier wird gelebt.

Ein für Bulgarien typisches Haus im Stil der nationalen Wiedergeburt im 18./19. Jahrhundert mit dem balkonartig überhängenden Obergeschoss.
© JULIANE KAELBERLAH
Ein für Bulgarien typisches Haus im Stil der nationalen Wiedergeburt im 18./19. Jahrhundert mit dem balkonartig überhängenden Obergeschoss.
Zwei Seitenstraßen von der lauten Einkaufsmeile entfernt liegt ein Kinderheim. Hinter dem Zaun lugen die Jungen und Mädchen hervor: Wie einem Unicef-Plakat entstiegen stehen sie regungslos hinter dem grauen Gitter, spielen Fußball auf dem schmalen, trockenen Wiesenstreifen vor dem Haus oder hocken schweigend auf den Treppenstufen. Kleine Menschen mit großen Sorgen, kollektiv in blaue Trainingsanzüge gesteckt, schmutzig, viele von ihnen kahlgeschoren wie buddhistische Mönche, wegen der Läuse. Etwa 40.000 Kinder in Bulgarien haben keine Eltern mehr oder zumindest keine, die in der Lage sind, sich um sie zu kümmern.

Man muss nicht einmal die eingetretenen Touristenpfade verlassen, um zu sehen, wie Bulgarien mit sich selbst kämpft. Es ist ein Land im Zwiespalt, nach 500 Jahren türkischer Besatzungszeit und 50 Jahren Kommunismus auseinandergerissen in Großstädte, Feriensiedlungen und die Provinz, Cabrios und Eselkarren, Shoppingmeilen und Gemüsefelder. Der Tourismus am Schwarzen Meer boomt, aber die Zahlen des Wirtschaftsministeriums können nicht darüber hinwegtäuschen, dass immer noch zwischen 13 bis 20 Prozent der Menschen arbeitslos sind und die Mehrheit von ihnen in bitterer Armut lebt. Wenn der vollgestopfte Reisebus an den Stadträndern entlang Richtung Ferienressorts schleicht, sieht man Menschen im Gebüsch der Fußwege liegen: verwahrlost, mit hohlem Blick, die Wodkaflasche meist leer daneben.

Das Paradies wird kleiner

Eine halbe Stunde Fahrt von Burgas und seinen Problemen entfernt, hinter dem Dunst der Hochhäuser, liegt das verschlafene Städtchen Sozopol. Die Fahrt dorthin führt vorbei an staubigen Wegen und einsamen Stränden. Außer ein paar nackten Menschen badet dort niemand, es gibt keine Cocktailbars und der Budenzauber der Ferienorte ist auf einmal ganz weit weg.

Verwegen romantisch: Ein altes Fischerboot in Sozopol, dem einstigen Treffpunkt der Künstler und Literaten Bulgariens.
© JULIANE KAELBERLAH
Verwegen romantisch: Ein altes Fischerboot in Sozopol, dem einstigen Treffpunkt der Künstler und Literaten Bulgariens.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Sozopol Szenetreff der Künstler und Literaten, heute ist es das Paradies der Ruhesuchenden. Ist jemandem der Weg in die Innenstadt zu weit, geht er der Einfachheit halber durch einen der offenen Gärten. Vorbei an den schneeweißen Bettlaken auf der Wäscheleine, an gedeckten Frühstückstischen, wo die Hausbewohner sitzen und sich nicht stören lassen. Neben ihren Eingangstüren sind klapprige Stände aufgebaut, auf denen Gläser mit bernsteinfarbenem Honig stehen, Nüsse in kleinen Pappschalen oder faustdicke Knoblauchknollen. Räucherfisch baumelt auf der Stange und die Gemüsekisten sind mit weißen Tüchern zugedeckt, um sie vor der immer noch stechenden Septembersonne zu schützen. Die Bulgaren selbst machen hier Urlaub, wer fährt schon ins teure Italien oder quer über den Balkan nach Kroatien, wenn das Glück vor der Haustür liegt? Und Nessebar, das Städtchen auf einer inselartigen Landzunge, 4000 Jahre alt, UNESCO-Weltkulturerbe.

Im Hafen, zwischen rostigen Fischkuttern und faserigen Tauen sitzen die alten Bulgaren und flicken ihre Netze. Bei Wodka plaudern sie oder angeln und sehen dabei aus, als hielten sie Hektik für das Unwort des Jahrhunderts. Nur drei Häuser weiter tobt zwischen römischen Ruinen der Jahrmarkt: Händler bieten Muschelkitsch und Perlenketten feil, Markenuhren und gefälschte Designerjeans für umgerechnet zehn Euro. Alles ist schief: Die Gassen mit Kopfsteinpflaster, aus dem dürre Grasbüschel wachsen, die dunklen Holzhäuser. Alte Lampen aus rostigem Metall streuen schummriges Licht, die weißen Kästen der Klimaanlagen surren beständig, selbst am Abend.

Lauschige Restaurants mit Balkon kleben an den Felswänden der Landzunge über dem Meer wie Schwalbennester. Von dort aus kann man das Wasser bis zum Horizont überblicken, die dunkelgrünen Algen beobachten, die mit der Strömung schwingen, die Sonne untergehen sehen. In der Ferne blinkt flatterig die Skyline von Sonnenstrand. Ihm gehört die Nacht.

Halligalli im 24-Stunden-Takt

Sonnenstrand – Ferienort seit 1959, acht Kilometer feiner Sand, über 100 Hotels, 30.000 Betten, tausende Besucher jährlich. Bis zur Wende galt er vor allem als günstiger Geheimtipp bei Urlaubern aus den Ostblockstaaten, in den 90er-Jahren entdeckte der Westen das Potential der Feriensiedlung. Immer mehr Touristen kommen, vorallem Rentner, Familien und junge Erwachsene – angezogen von den niedrigen Preisen. Bis heute siedeln sich große und kleine Hotelketten immer näher am Strand an, renovieren die mittlerweile schmuddeligen Flachbauten aus den 60er-Jahren oder bauen neue Blöcke, frei nach dem Motto "Passt nicht, gibt’s nicht". Fassaden knallen in schreiendem pink oder mintgrün, bestückt mit leuchtenden Buchstaben, die Namen wie "Hotel Diamond" oder "Sunvillage" formen. Hinter den frisch verputzten Mauern züchten die Reiseunternehmen Europas neue Halligalli-Elite heran, Merksatz: Mallorca ist Geschichte, Ibiza war gestern, Sonnenstrand ist heute.

Baukräne gehören zum Bild, ein Hämmern, Spachteln und Mauern zur Geräuschkulisse – von Tag zu Tag schießen neue, noch höhere, noch buntere Bettenburgen aus dem Boden. Manchmal bleiben die Betongerippe monatelang stehen – dann ist Sommer und das bedeutet an der Schwarzmeerküste seit neuestem Baustopp, zumindest offiziell. Urlauber wollen keinen Lärm. Durch kniehohe, gepflegte Hecken sind die Pools abgeschirmt. Trotzdem liegen sie so dicht an der Straße, dass man im Vorbeigehen mühelos die wichtigsten Schlagzeilen der Boulevardzeitungen aufschnappen kann, die jeder zweite Gast auf seiner Liege ausgebreitet hat.

In den Bars auf der Hauptmeile des Sonnenstrandes sammeln sich Ehepaare jenseits der 40 zum Discofox, auf den Straßen fahren Bimmelbahnen vollgestopft mit Familien, schneeweiße Pferdekutschen rattern über die betonierten Straßen durch die Nacht – der Renner bei verliebten Pärchen. Rentner mit Strohhüten auf dem Kopf und Kamera in der Hand grölen "An der Nordseeküste".

Vor den schicken Bars locken braungebrannte Jungs vorbeiflanierende junge Frauen mit Komplimenten in Dauerschleife auf die weißen Ledersofas. Willig flirten die Mädchen mit und lassen sich einspinnen - und füllen sich Minuten später mit gläserweise Prosecco ab, weil sie ein ähnliches Gelage zu Hause wahrscheinlich die halbe Monatsmiete ihrer Wohnung kosten würde.

Süßholzraspeln bestimmt das Geschäft

"Deutsch, Englisch, Französisch?" Unsere Pizza gut, komen Sie, haben Sie Hungärrr?" Der lächelnde graumelierte Herr lauert neben einem Pappaufsteller mit dem Menü des Tages und zerrt ein verwundertes Ehepaar in die Gaststätte. "Diese besonders schöne Tisch fur besonders schöne Dame", schmalzt er und zwinkert. Der Koloss von Urlauberin in Flipflops und grauen Trainingshosen ist gerührt – und bestellt. "Sehen Sie!" Der Kellner lächelt. Wieder. Immer noch. Süßholzraspeln gehört zum Geschäft – und das muss jetzt gut laufen, denn im Spätherbst ist die Saison zu Ende und mit den Touristen geht auch das Leben. Sonnenstrand als Geisterstadt.

Eine Neonröhre flackert. Ein junger Bulgare schlägt mit der Zeitung dagegen und seufzt. Wie alle Verkäufer in den Nonstop-Supermärkten hängt auch er gelangweilt von der bunten Lichterwelt in einem Plastiktuhl und wartet darauf, dass um vier Uhr die Schicht des Nächsten beginnt oder sich doch ein Tourist zwischen die Regale begibt, um einen Schokoriegel zu kaufen, eine Flasche Wasser oder Kondome.

"Ich bin trotzdem froh, dass die alle kommen. Ist doch gut für uns. Arbeit. Und ich will irgendwann weg hier, da brauche ich Geld." Nicolaj möchte studieren, am liebsten in Deutschland, wie viele in seinem Alter. Dafür nimmt er vieles in Kauf: Dass er kaum Zeit hat für sich, seine Freundin oder zum Weggehen. "Ist halt so. Ist Sommer." Sommer. Wochentage verlieren ihre Bedeutung; es gibt nur noch die Saison und mit ihr Tag oder Nacht, Hell oder Dunkel, obwohl es eigentlich nie richtig dunkel wird, hier in Sonnenstrand.
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Artikel vom 19. Oktober 2006

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