C6 MAGAZIN
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KINDESMISSHANDLUNG 25.6.2006

Wenn Kinder ihre Eltern fürchten

Seine Kinder zu schlagen ist in Deutschland verboten. Dennoch sind der Klaps auf den Po oder die Ohrfeige gegenüber den eigenen Sprösslingen keine Seltenheit, wie nicht nur die Sendung der „Super Nanny“ wöchentlich beweist. Noch schlimmere Formen der Gewalt, die unter den Begriff Kindesmisshandlung fallen, sind seelische Misshandlungen, sexuelle Missbräuche und Vernachlässigungen. In allen Fällen handelt es sich um Misshandlungen von Schutzbefohlenen, also um Straftaten.
Kinder die geschlagen werden können dieses Handeln der Eltern meist nicht verstehen. Wenn sie selbst Eltern werden, verarbeiten sie diese Erlebnisse oft nicht, sondern greifen selbst zur Gewalt
© STOCK.XCHNG
Kinder die geschlagen werden können dieses Handeln der Eltern meist nicht verstehen. Wenn sie selbst Eltern werden, verarbeiten sie diese Erlebnisse oft nicht, sondern greifen selbst zur Gewalt
Astrid* feiert ihren 40. Geburtstag. Zu diesem besonderen Tag hat sie die ganze Verwandtschaft eingeladen. Ihre zwei Söhne im Alter von zwei und fünf Jahren freuen sich schon lange auf diese Feier: "Tim*, der Jüngere wollte unbedingt die Wohnung dekoriern und mein Ältester, Max*, hat sogar beim Kuchen backen geholfen.", berichtet Astrid begeistert.

Eigentlich klingt alles nach einer heilen Welt, doch dann wird Astrids Blick besorgt: "Ich muss schnell noch Bier kaufen, sonst kommt mein Mann Peter* nicht zur Feier." Der Ehemann und Vater der Kinder lebt zwar nicht von seiner Familie getrennt, bevorzugt aber die Nachbarskneipe als Aufenthaltsort wenn zu Hause kein Alkohol vorhanden ist. "Mein Mann war schon Alkoholiker als ich ihn kennen gelernt habe. Er kümmert sich kaum um die Kinder, aber ich liebe ihn nun mal", sagt Astrid.

Anstrengender Beruf Mutter

Astrid hat sich nach der langjährigen Babypause zum Beruf Hausfrau entschieden. Zuvor arbeitete sie in einer Anwaltskanzlei. Obwohl sie sich nach fünf Jahren allmählich an den Stress des Berufs Mutter gewöhnt hat, fühlt sie sich dennoch oftmals überfordert: "Insbesondere wenn Peter nachts betrunken nach Hause kommt! Er weckt dann alle auf. Wir haben nun mal nur Geld für unsere 80 Quadratmeter große Wohnung, da muss man Rücksicht aufeinander nehmen!"

Ein blaues Auge oder blaue Flecken. Viele Dinge können auf Misshandlungen hindeuten und sollten von Bezugspersonen nicht leichtfertig abgetan werden
© WWW.POLIZEI-BERATUNG.DE
Ein blaues Auge oder blaue Flecken. Viele Dinge können auf Misshandlungen hindeuten und sollten von Bezugspersonen nicht leichtfertig abgetan werden
Diesen wichtigen Satz vergisst Astrid wie sie selbst zugibt leider viel zu oft: "Wenn mir alles zu viel wird und die Jungs nicht auf mich hören wollen, rutscht mir schon mal die Hand aus! Manchmal kriegen sie dann auch eine mit dem Kochlöffel auf die Hand." Linda erinnert sich an noch schlimmere Vorfälle: "Ich weiß noch, dass Astrid immer Probleme hatte die Kinder zum Einschlafen zu bringen. Meine Tochter ist ein sehr ungeduldiger Mensch. Als die Kinder noch sehr klein waren und im Bett geschrieen haben, hat Astrid, selten auch Peter, sie oft so lange geschlagen, bis sie eingeschlafen sind! Mir tut es wahnsinnig weh so etwas zu hören. Ich weiß, ich könnte sie anzeigen – aber wer zeigt schon seine eigene Tochter an?"

Hohe Dunkelziffer bei Misshandlungen

Schätzungen zufolge werden lediglich fünf bis zehn Prozent der Kindesmisshandlungen angezeigt, woraus sich eine sehr hohe Dunkelziffer ergibt. Gründe dafür sind wahrscheinlich, dass meistens nur Familienmitglieder von den Vorfällen Kenntnis nehmen und es nicht wagen die eigene Verwandtschaft anzuzeigen. Im Jahr 2005 wurde vom Bundeskriminalamt bekannt gegeben, dass sich die Zahl der Misshandlungen seit 1996 verdoppelt hat. Diese Aussage beruft sich auf die zu dieser Zeit aktuelle Zahl von 2.916 angezeigten Fällen von Misshandlungen. Allesamt bei Kindern unter 14 Jahren.

Astrid sagt, dass sie ihre Mutter liebt: "Aber Mama hat mir nicht in meine Erziehung zu reden. Es sind meine Kinder und ich schlage sie niemals grundlos! Außerdem haben ein paar Schläge noch niemandem geschadet! In meiner Kindheit habe ich auch ein paar Ohrfeigen bekommen." Diese Tatsache streitet Linda nicht ab, betont aber traurig, dass sie diese wenigen Ohrfeigen noch heute bereut: "Ich denke oft, dass ich dafür verantwortlich bin, worunter meine Enkel heute so leiden müssen".

"Schlagen ist lustig!"

Dass Kinder schnell lernen ist nicht Neues. Fragt man Max was er von Schlägen hält, so antwortet er grinsend: "Schlagen ist doch lustig! Manchmal tut es aber auch weh. Im Fernsehen gucke ich mir nur so Serien an, wo die sich alle schlagen bis es ganz viel blutet! Wenn der dumme Tim an mein Spielzeug geht schlage ich ihn auch und dann weint er und hört endlich auf!" Alarmierende Worte aus dem Mund des Fünfjährigen. Worte, die Astrid eigentlich aufwecken müssten: "Ach wieso? Er muss doch lernen sich durchzusetzen! Sonst kommt er im Leben nicht weit!" Lindas Frage, ob sie es nicht für übertrieben hält, dass Max sich mit Gewalt gegen seinen zweijährigen Bruder durchsetzt verneint sie.

Geschlagene Kinder lassen ihre Wut oftmals an anderen aus. Der fünfjährige Max schlägt sogar seinen kleinen Bruder wenn dieser sein Spielzeug benutzt
© PHOTOCASE.COM
Geschlagene Kinder lassen ihre Wut oftmals an anderen aus. Der fünfjährige Max schlägt sogar seinen kleinen Bruder wenn dieser sein Spielzeug benutzt
"Interessant ist hierbei ja, dass nur Max Tim schlagen darf. Sobald der kleine Tim zurück schlägt oder damit selber anfängt geht Astrid dazwischen und bestraft ihn mit Schlägen", bemerkt Linda die Bevorzugung des älteren Sohns verständnislos bei der Geburtstagsfeier. Die Gäste sind vergnügt und die vielen Kinder spielen vor dem Essen gemeinsam. Nur Vater Peter sitzt mit zwei Flaschen Bier abseits und sieht fern. Als es Kaffee und Kuchen gibt sitzen alle gemeinsam am Tisch. Alle außer Max, welcher mit seinem Kuchen in der Hand umherläuft. Astrid toleriert dieses Verhalten, Linda jedoch bittet ihn sich zu setzen: "Man isst nicht im Stehen und spielt erst Recht nicht mit dem Essen!"

Worte statt Gewalt

Die Situation eskaliert als Linda dem kleinen Tim ein zweites Stück Kuchen reicht, Max dieses jedoch verwehrt solange er sich nicht hinsetze. Max schlägt voller Wut auf seinen kleinen Bruder ein und wirft den Kuchen in die Ecke. Während Astrid in aus der Ferne zur Ruhe mahnt greift die Oma ein. Als sie Max in sein Zimmer trägt wird sie von ihm geschlagen, getreten und gebissen. Im Zimmer angekommen wartet sie bis er sich beruhigt hat: "Du kannst nicht einfach auf andere Menschen einschlagen", erklärt sie. "Das tut ihnen weh, so etwas macht man nicht!" Max zeigt sich überraschenderweise verständnisvoll und umarmt seine Oma.

Zusammen kehren sie zu den anderen Gästen zurück und verbringen einen ruhigen Tag ohne weitere Schläge miteinander. Astrid empfand die Situation nicht als Eskalation: "So etwas passiert hier täglich! Sie spielen doch nur ein wenig. Ich liebe meine Kinder und würde natürlich niemals zulassen, dass ihnen irgendetwas geschieht!"

*) Namen von der Redaktion geändert
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Artikel vom 25. Juni 2006

Kommentare über Kindesmisshandlung

Jakob Schmidt - pfeil-magazin.de am 13.07.2006:
Komliment für diesen erschreckenden, aufwühlenden Artikel. Es ist immer wieder schockierend, was in unserer Gesellschaft hinter dem Vorhang von Recht und Gesetz alles passiert.

grüße aus Hannover


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