C6 MAGAZIN
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MEDIZIN 25.12.2005

„Es gibt sehr viele kranke Menschen!“

Viele Menschen erleiden in ihrer Kindheit regelmäßig Qualen, beispielsweise den Missbrauch durch Verwandte, und sind von da an traumatisiert. Anderen wird eine vergleichsweise starke psychische Verletzung durch einen Autounfall oder Ähnliches zugefügt. Um all diesen Menschen zu helfen gibt es in Deutschland weniger als 200 speziell ausgebildete Traumatherapeuten, eine davon ist Martina L. aus einer Kleinstadt nahe Frankfurt am Main.
Durch Gewalt kann schnell ein multiples Trauma ausgelöst werden, oft erinnern sich Betroffene erst Jahre später an erlittene Qualen
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Durch Gewalt kann schnell ein multiples Trauma ausgelöst werden, oft erinnern sich Betroffene erst Jahre später an erlittene Qualen
Martina L. hat Patienten zwischen 18 und 73 Jahren, das Durchschnittsalter liegt zwischen 40 und 50 Jahren. Einige Patienten sind bereit seit über 15 Jahren bei ihr in Therapie. Allerdings gibt es Voraussetzungen: "Auf alle Fälle muss die Motivation für eine Therapie da sein! Die Menschen müssen freiwillig kommen, ganz schlechte Chancen auf Erfolg gibt es, wenn jemand zu einem Therapeuten geschickt wird - egal ob vom eigenen Mann oder vom Arbeitsamt." Weiterer wichtiger Punkt ist die Sympathie. Um sich kennen zu lernen sind fünf Probestunden möglich, die von der Krankenkasse nicht abgerechnet werden. "Es kommt nur selten vor, aber wenn ich merke, dass ich mit jemandem nicht klarkomme, empfehle ich ihm einen anderen Therapeuten aufzusuchen."

Schon in ihrer Schulzeit wollte sie Medizin studieren, die Alternative wäre Lehrerin gewesen. "Ich hätte gerne Sport, Musik und Kunst unterrichtet." Entschieden hat sich die heute 59-Jährige für Medizin. "Es handelt sich um ein wahnsinnig vielfältiges Studium bei dem man sich primär nicht festlegen muss, sondern erst am Ende auf ein bestimmtes Gebiet spezialisiert. Das hat mich unglaublich fasziniert."

Vielfältiges Studium der Medizin

Als sie ihr Studium begann wollte Martina L. noch plastische Kinderchirurgin werden. Im Laufe der Jahre hat es sich dann jedoch anders entwickelt: "Zunächst habe ich mein Medizinstudium nach fünf Jahren beendet. Danach folgten zwei Jahre Medizinalassistenz." In den nächsten drei Jahren absolvierte sie die Weiterbildung zur Allgemeinärztin. Die Möglichkeit dazu bieten sowohl Arztpraxen als auch Krankenhäuser. "Nachdem dies abgeschlossen war begann ich mit der Weiterbildung zur Fachärztin für psychotherapeutische Medizin. Auch diese zog sich über drei Jahre." Die beiden letzten Jahre des insgesamt 15-jährigen Ausbildungswegs verbrachte sie mit der Weiterbildung zur Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. "Hierbei liegt mein besonderer Schwerpunkt bei der Psycho-Traumatherapie."

Bei einem Verkehrsunfall erleiden rund 30 Prozent der Beteiligten ein Mono-Trauma. Dieses lässt sich leicht und in kurzer Zeit behandeln
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Bei einem Verkehrsunfall erleiden rund 30 Prozent der Beteiligten ein Mono-Trauma. Dieses lässt sich leicht und in kurzer Zeit behandeln
Dieser Weg scheint der Richtige gewesen zu sein: "An meiner Entscheidung diesen Weg zu gehen habe ich nie gezweifelt. Auch meine Familie fand das gut - ich wurde immer unterstützt." Rund zwei Drittel der Therapeuten in Deutschland sind weiblich, ebenso deren Patienten. Martina L. erklärt sich diese Tatsache so: "Frauen sind schneller bereit sich selbst in Frage zu stellen. Sie outen sich schneller, wenn sie Probleme haben, begeben sich dann eher in eine Therapie um diese zu lösen."

Hilfe bei Beratungsstellen

Die Zahl der zugelassenen Therapeuten pro Stadt ist begrenzt. "Der Gesetzgeber legt fest, wie viele Ärzte sich niederlassen und mit den Krankenkassen abrechnen dürfen. Ich halte das für falsch, denn es gibt sehr viele kranke Leute!" Die Wartezeit auf eine Therapie beträgt bei Martina L. über ein Jahr. Zumutbar hält sie jedoch nur eine Wartezeit von bis zu vier Monaten. "So genannte Notfälle gibt es eigentlich nicht. In der Regel sind die Dinge, die einen belasten schon älter, haben sich über Jahre entwickelt. In akuten Fällen können erstmal Beratungsstellen oder der Hausarzt helfen!"

Es gibt zwei Formen des Traumas. Das recht schnell zu behandelnde ist das Mono-Trauma, eine einzige traumatisierende Erfahrung wie zum Beispiel ein Verkehrsunfall oder eine schlimm empfundene Krebsoperation. In einem Drittel der Fälle stehen die Menschen nach solch einem Erlebnis unter Schock, sobald dieser Zustand mehrere Wochen anhält, spricht man von einem Trauma. Dieses lässt sich meist leicht behandeln, oft bereits innerhalb von fünf Therapiestunden. Die weitaus komplexere Form ist die des multiplen Traumas, meist verbunden mit Persönlichkeitsveränderungen. Es handelt sich hierbei überwiegend um Traumatisierungen in Kindheit und Jugend. Folgen können unter anderem Angst und Panik, Schlaflosigkeit, erhöhte Schreckhaftigkeit, Schmerzzustände sowie das ständige Durchleben der traumatisierenden Situation in Form von Flashbacks sein.

"Ein Trauma muss professionell behandelt werden."

"Die Behandlung eines multiplen Traumas ist sehr schwierig und kann sich über Jahre hinziehen. Das von der Krankenkasse zur Verfügung gestellte Kontingent beschränkt sich meist auf 100 Stunden, welche stufenweise genehmigt werden - und die reichen überhaupt nicht aus!" Bei einem Trauma werden die persönlichen Verarbeitungsfähigkeiten überschritten, nicht selten passiert es, dass traumatisierte Menschen diese psychischen Verletzungen über Jahre hinweg verdrängen und sie erst Jahre später wieder durch ein bestimmtes Erlebnis in ihre Erinnerung gelangen.

Ist dies der Fall beginnt das so genannte dissoziative Verhalten, die Betroffenen beginnen sich auszuklinken, brechen Kontakte ab, oft auch sich selbst zu verletzen. "Menschen, die sich selbst verletzen wollen sich nicht umbringen! Sie nutzen dieses Verhalten als Versuch sich wieder in die Realität zu beamen." Die Kunst des Therapeuten liegt vor allem darin, die richtigen Fragen zu stellen. Dies sollte geschickt geschehen, Martina L. erklärt wieso: "Es kann passieren, dass ein Patient alles zu schnell auf den Tisch legen will und dann von schlimmen Gefühlen so sehr überschwemmt wird, dass eine Retraumatisierung stattfindet. Dies wäre dann nicht nur für den Patienten schlecht. Auch der Therapeut macht damit einen großen Rückschritt."

Lange Arbeitszeiten um zu helfen

Der Therapiebedarf heutzutage ist hoch. "Fast jeder Mensch hat in seinem Leben eine Depression und fast jeder zweite Mensch hat eine therapiebedürftige Depression. Leider gibt es viel zu wenige Therapeuten und außerdem auch zu wenige Menschen, die ihren Therapiebedarf einsehen." Als häufigste Gründe für eine Therapie sieht Martina L. heute Angststörungen und Depressionen. Um Menschen zu helfen, die unter diesen oder anderen Dingen leiden, opfert sie sogar ihre Freizeit: "Selbstständige Menschen machen nie Überstunden, weil sie keine festen Arbeitszeiten haben. Aber ich arbeite sicher zu viel!" Nach Feierabend schaltet sie dann jedoch ab, macht Musik, Sport, telefoniert oder umgibt sich mit Freunden und Familie. Von Fernsehen als Unterhaltungsmöglichkeit hält sie hingegen nichts: "Wenn ich mal durch das Programm zappe, denke ich 'Um Gottes Willen'! In meinen Augen ist das Fernsehen eine große Krankheit! Vor allem aber ist es eine Gefahr für labile Menschen, die sich in den teilweise primitiven und gewalttätigen Sendungen ihre Vorbilder suchen!"

Auch ohne tägliche Gerichtssendungen und den Stars aus Hollywood ist Martina L. mit ihrem Leben zufrieden, ebenso wie mit ihrem Beruf! Vor allem aber ist sie sehr glücklich wenn sie kranke Menschen auf ihrem Weg begleiten darf und sieht, dass diese irgendwann wieder Freude am Leben haben. Auch, wenn sie dafür oft sehr viel Geduld aufbringen muss...
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Artikel vom 25. Dezember 2005

Weiterführende Links
- Infos zur Traumatherapie: www.traumatherapie.de
- Die psychotherapeutische Methode EMDR: www.emdria.de

Kommentare über Medizin

Yves am 22.04.2006:
@Josi: Da freuen wir uns doch, eben diesen Fehler nicht gemacht zu haben und uns weiterhin als qualitativ bezeichnen zu dürfen. ;-) Beängstigend aber, dass du den Genitiv mit dem Plural verwechselst.

Wohlwollende Grüße, Yves


Josi am 22.04.2006:
nur zur Info:
Die Mehrzahl von von Trauma ist nicht "Traumas", sondern "Traumata". Menschen, die publizieren, sollten das eigentlich wissen. Wenn sie nicht einmal der deutschen Sprache mächtig sind, was soll man dann von der Informations-Qualität ihres Beitrags halten?

Wohlmeinende Grüße,
Josi


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