C6 MAGAZIN
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KULTURKAMPF 15.10.2005

Knochenorakel oder Unternehmensplanung

Südafrika - ein Land, dem man im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Staaten noch die Chance, zu einer besseren Zukunft einräumt. Mit "besser", verbindet man dabei wirtschaftlichen Aufschwung, Schulbildung und westlichen Lebensstil. Was geschieht jedoch mit den Jahrhunderte alten Kulturen der schwarzen Bevölkerung? Müssen sie aussterben um Platz für eine bessere Zukunft zu machen?
Simo (22) vom Stamm der Xhosas.
© ANDREAS AUDRETSCH
Simo (22) vom Stamm der Xhosas.
"Wie, du weißt nicht, ob du noch ein Junge bist, oder schon ein Mann", fragt Simo mit einer Ungläubigkeit, die gespielt übertrieben wirkt. Oft genug hatte der 22- jährige schon Kontakt zu Weißen, und spätestens seit er vom Eastern Cape in ein Township bei Kapstadt gezogen ist, ist ihm vollkommen klar, dass Weiße es mit vielen Dingen nicht ganz so genau nehmen, wie er und sein Stamm.

"Woher soll ich denn wissen, in welchem Moment man genau vom Jungen zum Mann wird", antworte ich etwas provozierend und mit gleichsam gespieltem Erstaunen. Denn als interessierter und pflichtbewusster Mitteleuropäer hatte ich selbstverständlich direkt zu Anfang meiner Zeit in Südafrika von den Traditionen und Ritualen der Schwarzen gelesen und wusste, dass der Eintritt in die Männlichkeit bei den Xhosas ganz genau geregelt ist.

Eigentlich, so findet Simo, geht es die Weißen ja gar nichts an, mit welchen Ritualen sein Stamm die Jungen in die Männlichkeit einführt, da ich aber eh schon alles zu wissen scheine, lässt er sich doch dazu überreden, davon zu berichten, wie er zum Mann geworden ist.

Sehr zögerlich erzählt er von der Hütte, in die er sich, als er 16 war, mit einigen anderen Jungen des Dorfes zurückgezogen hat. Er berichtet, wie sie sich mit weißem Schlamm einrieben um dann nacheinander vor den Songoma, den Hexendoktor des Dorfes zu treten, der mit einer schnellen, gekonnten Bewegung bei jedem der Jungen die Beschneidung vornahm.
Unwillkürlich verziehe ich das Gesicht. Schon der Gedanke bereitet Schmerzen. Simo versichert allerdings, keiner von ihnen hätte auch nur einen Laut von sich gegeben. Und dann hätten sie getanzt, und er hätte getanzt wie noch nie in seinem Leben. Zu Männern seien sie allerdings erst dadurch geworden, dass sie für 3 Monate, nur mit einer Wolldecke ausgestattet in die Wildnis gingen. Von Zeit zu Zeit hätte einer der Männer des Dorfes einen trockenen Maisbrei gebracht, den einige Mütter zubereitet hatten. Wasser hätten sie erst ab der zweiten Woche bekommen.

"Glaub ich nicht", werfe ich mit gerunzelter Stirn dazwischen. "Ich bin zwar kein Biologe, aber eine Woche ganz ohne Wasser – kann nicht sein!" Biologe sei er auch nicht, meint Simo nur, und trotzdem hätte er eine Woche lang nichts getrunken und wäre nach 3 Monaten wohl behalten und als Mann wieder in sein Dorf zurückgekehrt. "Und was", frage ich, "wenn einer der Jungen diese ganzen Dinge nicht durchsteht?" "Tja", meint Simo nur, "dann wird er eben auch nie ein Mann sein können!"

Khayelitscha – eines der größten Townships Südafrikas. Kilometerweit reiht sich hier ein Häuschen an das nächste. Die meisten davon sind sogenannte Mandela-Häuschen, mit denen die Regierung nach Ende der Apartheid begonnen hatte, die Wellblechhütten und Holzbaracken der schwarzen Bevölkerung zu ersetzten. Nicht überall ist man schon so weit, doch Khayelitscha ist eines der bekanntesten Townships, und hier zeigt man zuerst, was man tut auf dem Weg ins moderne und westliche, auf dem Weg ins "Neue Südafrika". Einige ältere Frauen laufen noch in traditionellen Kleidern herum. Die meisten von ihnen sind auf dem Weg zum Gottesdienst. Die Jüngeren tragen fast alle Jeans, T-Shirts, und Turnschuhe. Aus einem Radio dröhnt eine Schnulze von Whitney Houston. Sie singt: " It’s time for me to do it on my own” – und die Menschen lieben es. Bräuche und Traditionen rücken immer weiter in den Hintergrund. Die Zukunft kommt aus Fernsehen und Radio, die Zukunft ist modern und westlich, genau wie das "Neue Südafrika".

Einige Quadratkilometer am Rande des Townships sind nicht mit Häuschen gepflastert. Man hat sie grün gelassen und zwischen Erdhügeln und einigen wenigen Büschen nur eine einzige, kleine Holzhütte aufgestellt. Davor hat man einen kleinen Platz freigeräumt. Der Zaun, der das Gelände umgibt, ist an vielen Stellen verrostet und heruntergerissen.

"Viele der Jungs, die hier im Township aufwachsen, werden dort beschnitten", meint Simo, der auf einer kleinen Anhöhe unweit des eingezäunten Geländes neben mir sitzt. "Aber die Wildnis, wie bei uns am Eastern Cape, ist das nicht", fügt er hinzu. Er habe noch erlebt, wie es sich anfühlt von nichts als Buschland umgeben zu sein, und wie es ist, nur mit sich und der Natur fertig werden zu müssen. Hier in Khayelitscha ist alles zu eng und auch wenn er es nicht genau begründen kann, irgendwie ist es falsch hier seine Männlichkeit zu erhalten. Seiner Meinung nach müssten alle Jungs zurück in die Transkei am Eastern Cape, wo die Xhosas eigentlich zuhause sind, um dort beschnitten zu werden und in die Wildnis zu gehen.

"Allerdings haben viele Eltern doch gar nicht das Geld, um ihre Söhne dorthin zu schicken", gebe ich zu bedenken. "Und außerdem würden die Kinder doch niemals für drei Monate Schulfrei bekommen, während die weißen und die anderen Südafrikaner weiter lernen müssen". "Ja", sagt Simo langsam, und ich merke, dass er sich im Einzelnen noch nie Gedanken über die Sache gemacht hatte. Trotzdem glaube ich, das Problem verstehen zu können.
Zwischen den schäbigen Baracken und Häuschen der Townships, inmitten von Dreck, Armut und Kriminalität scheint die Würde, mit der die schwarzen Stämme Südafrikas ihre Kulturen leben, mehr und mehr verloren gegangen zu sein. Das "Neue Südafrika", das Südafrika nach der Unterdrückung durch die Apartheid, bringt Gerechtigkeit; bringt auf lange Sicht vielleicht sogar auch neuen Wohlstand, doch es bringt nicht die Würde und die alte Stellung der Traditionen und Kulturen zurück. Schwarze Kinder sollen einmal Verantwortung übernehmen, Manager, Politiker und Ärzte werden. Doch dafür müssen sie lernen wie die Weißen, arbeiten wie die Weißen und Teil des neuen westlichen Systems werden. Die Schwarzen haben das Recht auf Meinungsfreiheit, auf faire Gerichtsverfahren und auf medizinische Versorgung. Wenn aber ein verblutender 18-jähriger Junge aus Stolz nicht ins Krankenhaus gebracht wird, sondern um seine Männlichkeit zu retten, nur mit Kräutern und Ritualen von einem Songoma, einem Hexen-Doktor, behandelt wird, dann stößt das moderne, das westliche Südafrika an seine selbst gesteckten Grenzen. Kann man an Knochenorakel glauben, Angst vor Flüchen haben, Ahnen verehren, und trotzdem eine Anwaltskanzlei führen, als Chirurg arbeiten, Steuerkonzepte entwerfen oder einen Konzern vertreten?
Das Regime der Apartheid hat mit aller Kraft versucht, die Kulturen und Traditionen der Schwarzen Stämme zu zerstören. Dennoch sind sie für viele Menschen in den Jahren der Unterdrückung der letzte Halt und der ganze Stolz gewesen. Das Südafrika von heute gibt sich redlich Mühe, den Menschen wieder eine Perspektive zu bieten. Es mit den Traditionen der Schwarzen zu vereinen scheint jedoch fast unmöglich. Verschwinden werden die Bräuche in den nächsten Jahrzehnten nicht. Dazu sind sie viel zu fest in den Menschen verankert. In den riesigen Townships um die Städte werden sich die Traditionen und Bräuche aber weiterhin eine Nische zwischen Müll, Kriminalität, Armut und Whitney Houston suchen müssen.

Simo ist jetzt 22. Er hat Pläne für die Zukunft. Er kann singen, will auf eine Musical-Schule und wenn das nicht klappt, kann er immer noch Busfahrer werden, meint er selbstbewusst. Auch eine Familie will er gründen und Kinder haben. Es soll ihnen gut ergehen, sie sollen lernen, etwas aus ihrem Leben machen und viel Geld verdienen. Seine Söhne wird er, und das sagt er mit einer festen Entschlossenheit, seine Söhne wird er nach Osten in die Transkei schicken und darauf hoffen, dass sie nach drei Monaten in der Wildnis wohlbehalten und als stolze Xhosa- Männer wieder heimkehren werden.
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Artikel vom 15. Oktober 2005

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