C6 MAGAZIN
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BERUFE 22.6.2005

Segen oder Ausbeutung? – Beruf Inselkellner

Für viele mögen die Malediven ein wahrer Traum sein, doch für die Bewohner der Inseln ist dies oft nicht der Fall. Zwar gibt es dort keinerlei Probleme mit Arbeitslosigkeit, allerdings sind die Berufe, die zur Auswahl stehen nicht unbedingt Traumjobs, die sich mit dem Begriff „Paradies“ vereinen lassen. Zwei Kellner einer der Hotelinseln berichten…
Der Job als Kellner ist der erste Job für den 19-jährigen Sultan. Er scheint zufrieden, doch ob er wirklich glücklich ist erfährt man nicht
© KARSTEN J. KLEE
Der Job als Kellner ist der erste Job für den 19-jährigen Sultan. Er scheint zufrieden, doch ob er wirklich glücklich ist erfährt man nicht
Er ist ganz neu im Geschäft und wirkt begeistert: Sultan ist 19 Jahre jung und arbeitet seit April 2004 auf einer der rund 90 Hotelinseln, die den Malediven angehören. Ob hinter all der Freude eine Traurigkeit steckt ist fast nicht zu erfahren, er scheint jedenfalls glücklich mit seinem Job.

Sultan ist Kellner in der Poolbar der Insel. "Ich arbeite zehn Stunden am Tag. Das ist in Ordnung", sagt er. Von morgens bis abends läuft er um den Pool und fragt die Gäste, ob er ihnen etwas bringen kann. Ob er in den Pool darf? "Nein! Das ist streng verboten! Auch nicht außerhalb unserer Arbeitszeiten oder im Urlaub. Pool, Strand und Meer sind für uns tabu. Wir dürfen uns nur in der Mitte der Insel aufhalten."

Kaum Schlaf bei vier Urlaubstagen

Und das wird strikt eingehalten. Jeden Abend treffen sich die Mitarbeiter, die frei haben und spielen Fußball. Ansonsten haben sie bei einem Zehn-Stunden-Tag nicht sonderlich viel Freizeit. "Am liebsten schlafe ich, wenn ich nicht arbeiten muss. Ich habe zwar nicht viel Zeit dafür, aber das Schlafen ist mein liebstes Hobby. Ansonsten gehe ich manchmal mit zum Fußball oder sehe ein wenig fern."

Allen Mitarbeitern der Insel stehen pro Monat vier Tage Urlaub zu. "Dies ist allerdings selten der Fall, denn meistens haben wir alle drei Monate zehn Tage am Stück frei. Ich fahre dann manchmal nach Male, bleibe aber meistens hier. Je nachdem wie viel Geld ich habe." Der Kellner Nooradeen ist schon länger auf der Insel: bereits im Jahre 1993 hat er seinen ersten Vertrag hier unterzeichnet. Es gibt immer nur Jahresverträge. "Ich war in den letzten elf Jahren fast nur auf dieser Insel - höchstens zweimal im Jahr fahre ich im Urlaub nach Male."

Kellner = Arzt ?

Selbst für den Inselarzt gelten dieselben Regeln: "Ich kam aus Sri Lanka hierher, dachte, ich würde als Arzt angesehen werden. Aber ich darf ebenso wenig an den Strand wie ‚normale’ Mitarbeiter. Mein absolviertes Studium wird hier nicht als solches anerkannt. Ich wünsche mir, dass ich nach Europa gehen kann und mein Beruf dort geschätzt wird." Doch leider kommt er nicht aus dem unterzeichneten Vertrag heraus und muss warten, bis dieser abgelaufen ist.

An diesem Pool arbeitet der Kellner Sultan zehn Stunden am Tag. Das Wochenende ist nie frei ? nur alle paar Monate hat er rund zehn Tage Urlaub, die er jedoch meistens auf der Insel verbringt
© KARSTEN J. KLEE
An diesem Pool arbeitet der Kellner Sultan zehn Stunden am Tag. Das Wochenende ist nie frei ? nur alle paar Monate hat er rund zehn Tage Urlaub, die er jedoch meistens auf der Insel verbringt
"Deutsche Touristen sind immer sehr freundlich, ich kann mich nicht beschweren!" In dieser Aussage stimmen die beiden Kellner überein, auch, wenn nur etwa ein Zehntel der Gäste aus Deutschland kommt. Nur zwei Frauen arbeiten auf dieser Insel. Sie teilen sich ein kleines Haus in der Mitte der Insel. Die anderen Mitarbeiter bewohnen mit sechs bis acht Personen kleine Bungalows, die den Standardbungalows ähneln - keiner größer als 20 Quadratmeter.

Den Schnee kennen lernen

Ja, selbstverständlich mögen sie alle die Touristen sehr. Ein angemessenes Trinkgeld wird auf den Malediven allerdings erwartet, die Freundlichkeit muss sich hier erkauft werden und darum wird auch kein Geheimnis gemacht. Wer nicht zahlt wird dementsprechend behandelt. Bei der Frage, ob ihm an den Touristen irgendetwas besonders auffällt, muss Nooradeen lachen: " Ich habe hier schon so viele Frauen mit gefärbten Haaren kommen sehen und sie sind dank des Salzwassers alle wieder ohne Haarfarbe abgereist."

Viele der Mitarbeiter sind bereits seit über 20 Jahren auf der Insel tätig. Die Routine ist längst eingekehrt, der Wunsch, die Welt zu bereisen wohl schon längst verloren gegangen. "Ich würde gerne mal wissen, wie sich Schnee anfühlt", träumt Nooradeen, "doch ich werde wohl niemals dazu kommen". Zwar sind Unterkunft und Verpflegung auf den Hotelinseln für die Mitarbeiter umsonst, doch ob es wirklich ein Vergnügen ist in solch einem scheinbaren Paradies zu arbeiten sei dahingestellt…

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Artikel vom 22. Juni 2005

Kommentare über Berufe

S. Klinger am 20.08.2005:
Oh nein, so viele Tage ohne einen freien Tag. Der gleiche kleine Arbeitsort und immer den Müll der Menschen wegräumen. Zudem auch noch das bringen was die Gäste von einem fordern. Eine Frechheit das die Kellner,bei so einer minderwertigen Arbeit noch von der Hotelleitung dazu verdonnert werden, sich im inneren der Insel sich aufzuhalten! Wie in einem Käfig. Herzliches Beileid


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