C6 MAGAZIN
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SCHüLERAUSTAUSCH 5.5.2005

Hannover – Barcelona – Hannover

Ein halbes Jahr Sommer, Sonne, Strand. Eine neue Sprache, eine neue Familie, neue Freunde und unzählige neue Erfahrungen. Ein halbes Jahr Urlaub? Nicht ganz…unsere Autorin Luise Sammann über die Sonnen- und Schattenseiten eines Schüleraustauschs. Dem Traum oder vielleicht auch dem Horror vieler Jugendlicher.
Nachts finden in Barcelona vor dem "Palau National" Wassersiele statt.
© STOCK.XCHNG
Nachts finden in Barcelona vor dem "Palau National" Wassersiele statt.
"…Mein Damen und Herren, bitte bringen Sie Ihre Sitze wieder in eine aufrechte Position, klappen Sie die Tische hoch und legen sie Ihre Sicherheitsgurte an. Wir beginnen in Kürze mit dem Anflug auf den Flughafen Barcelona…"

3. Februar 2002, irgendwann gegen Mittag. Zum ersten Mal seit dem Start vor nur knapp zwei Stunden wende ich mich von dem kleinen milchigen Fenster neben mir ab und blicke mich in der Maschine um. Ich sehe Spanier und Deutsche, Geschäftsleute, Familien und Pärchen… Viele scheinen sich auf ein Wiedersehen zu freuen, andere auf einen Urlaub. Wieder andere sehen aus, als ob sie diesen Flug von Hannover nach Barcelona täglich zurücklegen. Gedankenverloren starre ich wieder hinaus in die weiße wabernde Masse. Ich bin ganz ruhig und doch durch und durch angespannt.

Wird mich jemand erwarten? Wie wird die Familie aussehen, in der ich die nächsten sechs Monate leben werde? Werden wir uns verständigen können? Ich spreche kaum ein Wort Spanisch! Wie in Trance nehme ich meinen Koffer vom Gepäckband, schließe mich dem Strom an, der in Richtung Ausgang drängt. Mein Schüleraustausch hatte begonnen!

Von der "Austauschschülerin" zum "Familienmitglied"

Nur wenige Wochen später sitze ich bereits wie selbstverständlich bei den Lorencios mit am Tisch. Meine Gastschwester Georgina, mit der ich nicht nur die gleiche Klasse besuche, sondern auch ihr kleines Zimmer teile, ist mir vertraut und nicht nur zur Freundin, sondern auch zur Dolmetscherin geworden. Ich bin froh jemanden zu haben, mit dem ich ein paar mehr Worte wechseln kann als "hola" und "gracias". Denn mein Englisch hilft mir in Spanien ansonsten genauso wenig weiter, wie mein Deutsch...

Die Kirche der "Sagrada Família" in Barcelona
© STOCK.XCHNG
Die Kirche der "Sagrada Família" in Barcelona
Die ersten Tage, in denen man krampfhaft über jedes Wort und jede Bewegung nachdenkt, in denen alle einen neugierig als "die Deutsche" beobachten, sind überstanden. In der Schule bin ich inzwischen nicht mehr einfach nur "la extranjera", sondern man hat sich – wenn auch mühsam – an meinen Namen gewöhnt: Luis ist in Spanien ein ziemlich veralteter Männername. (Zugegeben, ich würde mich auch wundern, wenn mir eine Sechzehnjährige mit dem Namen Wilhelm begegnen würde.)

Was bedeutet eigentlich "Deutschsein"?

Ich konnte mich noch nie sonderlich für irgendeine Art von Nationalstolz begeistern, habe nie verstanden, wieso ich auf etwas stolz sein sollte, wozu ich eigentlich noch gar nichts beigetragen hatte. Auch jetzt – als Blonde unter Brünetten, als Schwarzbrot- unter Weißbrotessern, als Großstadtkind unter Stranddorfbewohnern – ist mir nicht gerade danach, mit wehender Deutschlandflagge durch die katalonischen Straßen zu laufen.

Und doch, zum ersten Mal für längere Zeit alleine im Ausland, merke ich plötzlich, wo ich herkomme. Denke ich plötzlich beinahe liebevoll an meine Heimatstadt Hannover. Und das obwohl ich dort weder das Meer vor der Nase, noch die Berge im Rücken habe, wie ich es nun in dem kleinen Vorort von Barcelona, der mich so gastfreundlich aufgenommen hat, erleben darf. Gastfreundlich, nicht weil ich Deutsche bin, aber auch nicht obwohl.

Dabei hätte ich letzteres wirklich niemandem hier so recht verübeln können. Ja, es gibt sogar auch Momente, in denen ich mich schäme, Deutsche zu sein. Und zwar besonders beim Anblick meiner Landsleute, die im Sommer plötzlich in Horden den Nachbarort Calella überfallen, käseweiß oder knallrot die Strände bevölkern, lauthals "una Zerveza" nach dem anderen bestellen, in rauen Mengen Erdbeeren mit Schlagsahne verdrücken und bei all dem nicht einmal den Ansatz eines Versuches machen, sich – wie im eigenen Land so dringend von anderen gefordert – angemessen zu benehmen. Erst nach und nach merke ich, dass es eine Chance sein kann, so vielen Spaniern wie möglich zu beweisen, dass wir, die fleißigen spießigen, humorlosen Kartoffelesser auch anders sein können.

Um 180 Tage älter, um tausende von Erfahrungen reicher…

Die sechs Monate vergehen wie im Flug. Irgendwann zwischendurch muss ich doch noch von Englisch auf Spanisch umgestellt haben. Jedenfalls spreche ich am Ende nicht nur das fließend, sondern verstehe auch das Katalanische. Eine Tatsache, die einem bei diesem extrem stolzen Volk im Osten Spaniens, welches seit Jahrzehnten für die eigene Unabhängigkeit kämpft, eine Menge Pluspunkte einbringt.

Auch wenn ich mich nach einem halben Jahr auf das Wiedersehen mit Freunden und Familie in Deutschland freue, fällt mir der Abschied am Flughafen unendlich schwer. Beladen mit Abschiedsgeschenken, Andenken, Briefen und Fotos steige ich ins Flugzeug. Wieder sehe ich lange Zeit einfach nur aus dem Fenster. Wieder scheint man den Menschen um mich herum an den Gesichtern ablesen zu können, was sie erwartet. Diesmal erwartet auch mich etwas: Zuhause!
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Artikel vom 5. Mai 2005

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