C6 MAGAZIN
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RüCKBLICK 24.12.2004

35 Jahre nach der Studentenrevolution

"Revolution ist nicht eine Sache von Tagen wo geschossen wird und Auseinandersetzung stattfindet. Revolution ist ein langer Marsch und Prozess um die Schaffung von neuen Menschen..." (Rudi Dutschke)
Die Kommune 1 oder K1 war die erste politisch motivierte Wohngemeinschaft in Deutschland.
© DEUTSCHES HISTORISCHES MUSEUM
Die Kommune 1 oder K1 war die erste politisch motivierte Wohngemeinschaft in Deutschland.
Vor 35 Jahren, anno 1969, wurde das Ende einer Utopie eingeleitet. Diese Utopie beinhaltete die Schaffung eines neuen Systems. Sie hatte die 60er Jahre beeinflußt und in einen Schmelztiegel verwandelt, in dem sich Ordnungsmacht und Revolutionäre gegenüberstanden. Den Kern dieser revolutionären Bewegung, die APO (Außerparlamentarische Opposition), bildeten die Studenten. An ihrer Spitze stand der SDS (der Sozialistische Deutsche Studentenbund). Um jedoch die Zusammenhänge der einzelnen Protagonisten auf dieser politischen Bühne erklären zu können, muß etwas ausgeholt werden.

Genaugenommen wurden die Weichen bereits 1959 gestellt, als die SPD das "Godesberger Programm" verabschiedete. Darin sagte sich die Partei von allen kommunistischen und radikalen Gedanken los. Der SDS, zu jener Zeit die offizielle Studentenvereinigung der SPD, weigerte sich das Programm anzunehmen und wurde dadurch schließlich im Juli 1960 aus der Mutterpartei ausgeschlossen. Von nun an vegetierte er politisch heimatlos und führungslos dahin. Aber wegen der fehlenden Kontrolle der SPD, konnte sich der SDS eigene Wirkungsgebiete suchen. Die Ziele, die sich der SDS von nun an setzte, können in 5 große Themengebiete gegliedert werden: "Springer-Presse und Öffentlichkeit", "Studienreform", "Vietnamkrieg", "Notstandsgesetze" und "Große Koalition".

Promovierter Soziologe und bekanntester Studentenführer der Studentenbewegung: Rudi Dutschke
© DEUTSCHES HISTORISCHES MUSEUM
Promovierter Soziologe und bekanntester Studentenführer der Studentenbewegung: Rudi Dutschke
Die Öffentlichkeitsarbeit stellte einen wesentlichen Bestandteil in der Arbeit der Linken dar. Denn die Gesellschaft sollte auf die Mißstände in Deutschland aufmerksam gemacht werden. Das System, das von den Intellektuellen als reaktionär und verkrustet angesehen wurde, sei fest im Griff kapitalistischer Großunternehmer. Der Hauptkritikpunkt ließ sich unter dem Begriff der "formierten Gesellschaft" zusammenfassen. Dabei wurde der ungerechtfertigte Anspruch der Besitzenden und ihrer politischen Vertreter, die das Verhalten der Menschen im wirtschaftlichen und sozialen Leben bestimmten, beziehungsweise lenkten, angeprangert.

Ein weiterer Punkt für den sich die Studenten einsetzten, war die Verbesserung der Situation an den Hochschulen. Der schlechte Zustand war bereits vor der eigentlichen Politisierung der Studenten eine stark diskutierte Thematik gewesen. Werner Maihofer, der in den 70er Jahren Justizminister in der sozial-liberalen Koalition war, drückte dies wie folgt aus: "Unser mittelalterliches Hochschulsystem praktiziert eine empörende Verletzung menschlicher Würde. Erwachsene Menschen werden wie unmündige Kinder behandelt und sind unwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen unter fast unumschränkter Herrschaft selbstherrlicher Lehrpersonen ausgeliefert."

Hauptkritikpunkt war die alte akademische Selbstverwaltung, in der allein die Professoren das Sagen hatten. Diese sogenannten "Ordinarien-Universitäten" funktionierten ohne jegliche demokratische Grundsätze. Die Studenten forderten Mitbestimmungsrechte, das Recht auf allgemeinpolitische Stellungnahmen sowie eine grundsätzliche Reform der Studiengänge. Auch der Vietnamkrieg war ein wichtiges Thema in der Szene der Linken. Die Rolle der US-amerikanischen Streitkräfte wurde negativ und imperialistisch bewertet. Zudem wurde den Amerikanern vorgeworfen, dass sie durch ihr Eingreifen in den Konflikt das "Genfer- Abkommen" von 1945 negiert und mögliche, freie Wahlen verhindert hätten.

Zweifelsohne waren jedoch die Notstandsgesetze der Hauptstreitpunkt in den 60er Jahren. Diese bedeutete, zumindest in der ursprünglichen Gesetzesvorlage, im Prinzip die Abschaffung der Demokratie "im Falle eines nicht näher definierten Ernstfalls". Praktisch war es durch die Notstandsgesetze möglich, die Bürger am Verlassen ihres Wohnortes zu hindern, die Bundeswehr als Ordnungsmacht im Bundesgebiet einzusetzen, Jugendliche zur Gefahrenabwehr zwangszuverpflichten, die Wissenschaftsfreiheit aufzuheben und vieles mehr. Auf Grund der fehlenden Opposition während der Großen Koalition zwischen SPD und CDU in den Jahren 1966-69, gab es im Parlament keine Kraft, die das Gesetz hätte verhindern können.

Die APO sah es als ihre Pflicht einen Gegenpol zum Parlament zu bilden, um die Interessen der nicht repräsentierten Bürger zu vertreten. Deshalb organisierte sie zusammen mit Gewerkschaften und anderen Gruppen Protestaktionen, die in einen Sternmarsch nach Bonn mündeten. Damit hofften die Teilnehmer bis zum Schluss, die Verabschiedung des Gesetzes verhindern zu können. Am 30. Mai 1968 verabschiedete der Deutsche Bundestag die Notstandsgesetze. Dies leitete den langsamen Zerfall der APO und der Studentenbewegung ein.

Im Gegensatz zu anderen radikalen Gruppen zeichnete sich die Studentenbewegung dadurch aus, dass sie ihre Ideale auf einige gut durchdachte Theorien und Philosophien stützen konnte. Neben den klassischen Denkern, wie zum Beispiel Marx und Engels, gab es auch einen Reihe moderner Sozialphilosophen, die das Denken der Linken formulierten und weiterentwickelten. Die bedeutendsten von ihnen waren der Franzose Jean-Paul Sartre und der Ungar Georg Lukacs. Beide vertraten sie den Existentialismus und waren kritische Marxisten. Des weiteren gab es etliche deutsche Philosophen, wie Herbert Marcuse und Theodor Adorno.

Der Revolutionär Rudi Dutschke

Neben diesen gesellschaftskritischen Denkern waren natürlich unter den deutschen Studenten einige, die sich aus der Masse hervorhoben. Einer, der in besonderem Maße auf sich aufmerksam machte, war Rudi Dutschke. In Brandenburg geboren, erlebte er das diktatorische System der DDR am eigenen Leibe. Seine antikapitalistische Einstellungsweise und die damit verbundene Suche nach einem dritten Weg, einer Alternative zwischen Kapitalismus und Stalinismus, prägte sein Leben. Im Sommer 1961 verließ Rudi die DDR, um in Westberlin Soziologie zu studieren.

Schließlich arbeitete er sich bis in die Führungsspitze des SDS hoch. Einer wie Rudi, der die Menschen fesseln und mitreißen konnte, hatte leider auch Feinde. Deswegen wurde er am 11. April 1968 , eine Woche nach der Ermordung Martin Luther Kings, selbst Opfer eines Anschlags. Josef Bachmann, ein "Bild- Zeitung – Leser", schoß Rudi an jenem Tage auf offener Straße ins Gesicht. Er überlebte den Anschlag und konnte nach langwieriger Rehabilitation sein Leben wieder aufnehmen. Am 24. Dezember 1979 verstarb er.

Das Leben nach der Revolte

Bekanntlich wurde das eigentliche Ziel der Studenten, nämlich der radikale Umsturz der bestehenden Verhältnisse, nicht erreicht. Als Grund könnte man zum einen die extreme Realitätsferne der führenden Funktionäre, sowie die fehlende Solidarisierung in und durch die Arbeiterschaft nennen. Allerdings haben die Jahre der Studentenbewegung ihre Spuren hinterlassen und es kann deshalb mit Recht behauptet werden, dass die antiautoritäre Protestbewegung mehr war, als nur ein Ausdruck der Langeweile einer aus der Mittelschicht stammenden Generation.

Ich sehe die 60er Jahre als eine Zeit der träumerischen Emanzipation, deren Folgen unseren heutigen Alltag ein Stück weit leichter werden lassen. Die Idee der Wohngemeinschaft, eine freiere Kindererziehung, offenere Umgangsformen der Menschen untereinander, eine kritischere Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus und eine Verbesserung der Verhältnisse an staatlichen Institutionen, wie Schulen und Hochschulen. Sowie eine alternative Kultur, die bis heute noch von dem Umwälzungsprozeß jener Jahre profitiert. Und wenn es etwas gibt, das mir das Interesse für die 60 Jahre gebracht hat, dann ist es sicherlich folgende Erkenntnis: "Um das Mögliche entstehen zu lassen, muß man immer wieder das Unmögliche versuchen!"
Simon Pfaff (FJP Artikeldienst - 1/2000)
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Artikel vom 24. Dezember 2004

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