C6 MAGAZIN
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FUßBALL WM 26.5.2006

Die Welt zu Gast bei der Titanic

Vom 9. Juni bis 9. Juli 2006 kämpfen 32 Nationalmannschaften bei der die Fußballweltmeisterschaft um den Titel des Weltmeisters. Die Tatsache, dass sie in Deutschland stattfindet, haben wir nicht zuletzt dem Satiremagazin „Titanic“ zu verdanken. Denn hätte sich deren damaliger Chefredakteur Martin Sonneborn am Vorabend des 6. Juli 2000 nicht dazu entschieden, sieben der 24 Mitglieder des exklusiven Kreises des FIFA-Exekutivkommitees ein Fax zu senden wäre die Geschichte eine andere gewesen und Südafrika hätte die Wahl gewonnen.
Mit diesem Spruch bewirbt ein bekannter Getränkehersteller und Sponsor die Fußball-Weltmeisterschaft am Potsdamer Platz in Berlin
© SVEN EPPELSHEIMER
Mit diesem Spruch bewirbt ein bekannter Getränkehersteller und Sponsor die Fußball-Weltmeisterschaft am Potsdamer Platz in Berlin
In seinem Buch "Ich tat es für mein Land" schildert Sonneborn, wie eine anfängliche Schnapsidee eifrige Folgehandlungen nach sich zog, die ohne großen technischen Aufwand ihre Wirkung nicht verfehlen sollte. Einem ersten Fax, das den Vertretern aus den USA, Südkorea, Trinidad, Brasilien, Tunesien, Botswana und Neuseeland am Vorabend der Abstimmung unter der Tür durchgesteckt wurde, folgte wenig später eine zweite Nachricht, die jetzt im Bezug auf die Gegenleistung für ihre Stimme schon deutlicher wurde.

War im ersten Fax von einem kleinen Geschenk die Rede, wurde es im folgenden Fax deutlich benannt: "let me come straight to the point: in appreciation of your support we would like to offer you a small gift for your vote in favor of Germany: a fine basket with specialties from the black forest, including some really good sausages, ham and – hold on to your seat – a wonderful Kuku Clock! And a beer mug, too! Do we leave you any choice?”

Das Unmögliche wurde möglich: Am Tag der Abstimmung votierten die Abgeordneten mit 12:11 für Deutschland, da sich der Vertreter Neuseelands, Charles Dempsey, seiner Stimme enthielt. Bei Patt hätte die Stimme des Generalsekretärs doppelt gezählt – und der Schweizer Sepp Blatter hatte aus seiner Wahl für Südafrika nie ein Hehl gemacht. So musste Dempsey, der von seinem Dachverband Ozeanien den Auftrag erhalten hatte, für Südafrika zu stimmen, erst einmal untertauchen und sich als Vaterlandsverräter beschimpfen lassen. In einem Interview räumte er ein: "The final fax broke my neck".

Die Rolle der FIFA

In ihrem nach wie vor erstaunlich aktuellem Buch "Das Milliardenspiel. Fußball Geld und Medien" von 1998 werfen Thomas Kistner und Jens Weinreich einen Blick hinter die Kulissen des größten Verbandes der Welt und erklären das Phänomen FIFA anhand seiner Protagonisten Havelange und Blatter und des umtriebigen Horst Dassler, Sohn des Firmengründers Adi Dassler. Viele der geschilderten Probleme (Wettskandal, Doping, Bezahlfernsehen, interne Machtkämpfe, Rolle der Sponsoren) sind aktueller denn je. Die beiden Journalisten operierten in ihrem Buch mit dem Begriff "Dinosaurier" und "Jurassic Park", um den typischen Funktionär in seinem Element zu zeigen.

Ein Fehler des gegnerischen Torwarts könnte den Weltmeistertitel für Deutschland im eigenen Land bedeuten
© PHOTOCASE.COM
Ein Fehler des gegnerischen Torwarts könnte den Weltmeistertitel für Deutschland im eigenen Land bedeuten
Joseph "Sepp" Blatter trägt mit seinem Allürenhaften Verhalten natürlich auch dazu bei, Vorurteile gegenüber den Herren aus Zürich zu kultivieren: Für die WM hat er sich eine Luxussuite in Berlin zum Arbeiten und Schlafen gemietet, die pro Nacht 19.000 Franken kostet. Für die Spiele, die er live besucht, hat er angeordnet, dass er bitteschön genau auf Höhe der Mittellinie logieren darf. Die Herren der FIFA residieren zudem in schlossartigen Palästen der Neuzeit, stellen ihren Reichtum zur Schau und sind betont reisefreudig.

In diesem Jahr bestimmte die FIFA den Lauf der Dinge: Die Eröffnungsgala des Schweizers André Heller wurde abgesagt, dem Chef des Organisationskomitees, Franz Beckenbauer, soll das Rederecht bei der Eröffnungsgala entzogen werden. Beckenbauer, alles andere als ein Anti-Funktionär, äußerte sich bei seinem Auftritt in der Talkshow "Beckmann" alles andere als positiv: "Wir sind der letzte Ausrichter, der noch einigermaßen frei entscheiden darf". Die FIFA, in den letzten 16 Jahren, enorm gewachsen, ist zu einer kraftvollen Institution geworden, deren Wort Gewicht hat. Und wenn es wie im Fall des Andrew Jennings ein Buch gibt, das sich im Vorfeld der WM mit kritischen Tönen zu Wort melden will, dann verbietet man es einfach.

Jennings, der sich als investigativer Sportjournalist schon mit dem verlorenen Ideal der Olympischen Spiele auseinandersetzte, hat fünf Jahre an seinem Buch "Foul! The secret world of FIFA: Bribes, Vote Rigging and Ticket Scandals” gearbeitet. Er erhebt darin schwere Vorwürfe gegen die FIFA, thematisiert Stimmenkauf, Bestechung und Unregelmäßigkeiten beim Ticketverkauf. Das Buch darf in der Schweiz aufgrund eines Gerichtsurteils vorerst nicht verkauft werden.

Kommerzialisierung der WM

Lars Ricken, einst Hoffnungsträger des deutschen Fußballs und Weltpokalsieger mit Borussia Dortmund, beklagte einst in einem Werbespot den Untergang der sportlichen Werte: "Ich sehe Typen in Nadelstreifen und Geschäftemacherei ohne Ende." In diesen Tagen übte der SPD-Politiker Peter Danckert, Vorsitzender des Bundestags-Sportausschusses, harsche Kritik in einem Interview mit der Lausitzer Rundschau: "Die WM ist viel zu kommerzialisiert. Das liegt an der fast beängstigenden Macht und dem Einfluss der FIFA". Zudem monierte er sich über die Werbeaktionen der WM-Sponsoren: "Vor dem Parlament wird der Rasen zubetoniert und eine Fußballarena errichtet, im Bezirk Mitte/Tiergarten wird es die Fanmeile geben, und wir machen sogar vor den Regierungsgebäuden Werbung für Adidas oder Spalttabletten. Ich bin strikt gegen solche Auswüchse."

Zur Erklärung: Die Firma Adidas lässt vor dem Reichstag ein Mini-Olympiastadion nachbauen und ließ dafür 52 Bäume fällen. Die preisgekrönte Grünanlage aus dem Jahr 2002 wird zwar nach dem Turnier wieder aufgebaut, aber wird es wenigstens ein Jahr dauern, bis sich die Grünanlage wieder erholt hat.

Zudem könnte bei der WM die Schere zwischen Fans und Funktionären weiter aufgehen: Während viele Fans bei der Ticketvergabe leer ausgingen, entsteht für die wichtigen Leute ein "Hospitality Village" im Olympischen Dorf, dass nicht dem Durchschnittsfan, sondern den etwas Betuchteren Zuflucht in Tagen der WM bietet. Wer getreu dem Motto "Sehen und gesehen werden" das Zusammentreffen mit den ordinären Fußballfans scheut, muss 900 Euro für die billigste Karte auf den Tisch legen, um dem Event beizuwohnen.

Ticketvergabe

Die wirklichen Fans bleiben oftmals außen vor: Wer bewirbt sich schon ab dem 1. Februar 2005 in der ersten Bewerbungsphase für ein Turnier, deren Begegnungen zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal feststehen, um dann vielleicht sechs Tickets für das Vorrundenspiel Iran gegen Togo zu bekommen, wo man im besten Fall auch noch mit irgendwelchen NPD-Heinis aneinander gerät, die Herrn Ahmadinedschad begrüßen wollen? Außerdem ist es natürlich fraglich, ob diese ganze Datenerfassung in dieser Schärfe wirklich nötig ist, um eine Karte zu erwerben.

Zudem erscheint der Schlüssel der Kartenvergabe recht merkwürdig: 1,12 Millionen Tickets für die Fans, 2,1 Millionen für FIFA, nationale Fußballverbände und die Sponsoren. Das gab es schon einmal 1998, als im Finale zwischen Frankreich und Brasilien 20.000 der 72.000 Zuschauer nicht zahlen mussten, woraufhin Fabien Barthez, Keeper der equipe tricolore, anmerkte: "Das ist die WM der VIPs." Nun ist davon auszugehen, dass das Viertelfinalspiel und auch das Endspiel in Berlin ausverkauft sein werden, zumal einige Tickets der Sponsoren in den freien Verkauf zurückgegangen sind. Mit einem halbvollen Berliner Olympiastadion in den weniger spektakulären Vorrundenspielen Schweden-Paraguay und Ukraine-Tunesien ist aber keinem geholfen.

Die WM als Geschäft

Auch bei dieser WM lässt sich gutes Geld verdienen: Die FIFA hat sich mit ihrem Milliardendeal für die Vergabe der Fernsehrechte 2002/2006 ordentlich saniert. Im "Jahrhundertvertrag" mit zwei mittlerweile bankrott gegangenen Partnern wurden 2,8 Milliarden Franken für die weltweiten Fernsehrechte ausgehandelt. "Das sind nette Zahlen für vereinsrechtlich organisierte Instanzen ohne Gewinnorientierung", so Felix Reidhaar in seinem Artikel "Lizenz zum Gelddrucken" in der NZZ. Andere Zahlen zum Vergleich: Die Bewerbung dürfte mit 400 Millionen Euro veranschlagt werden, sechs Milliarden Euro mussten für WM-Stadien und die öffentliche Infrastruktur aufgebracht werden, so Klaus Schmeh in seinem Buch "Titel, Tore, Transaktionen" von 2005. Die beiden Wirtschaftsexperten Hintermeyer und Rettberg gehen in ihrem Buch "Geld schießt Tore. Fußball als globales Business" von einem kalkulierten Gewinn von 2,5 Milliarden Euro, einem Tourismus-Plus von drei Milliarden Euro und 10.000 neuen Arbeitsplätzen aus.

Möge es spannende Spiele in einer tollen Atmosphäre geben, in denen sich die deutschen Zuschauer als faire Sportsmänner erweisen. Möge die deutsche Elf ihre Form aus dem Konfederation-Cup des Vorjahres wieder finden und die Zuschauer mit schnellem und attraktivem Spiel begeistern. Mögen wir von Ausschreitungen und Hooligan-Attacken verschont bleiben. Auf das sich das Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" durchsetzt. Dann hätte sich der Einsatz der "Titanic" auch gelohnt.
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Artikel vom 26. Mai 2006

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