C6 MAGAZIN
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KINDERSOLDATEN 4.4.2006

Kinder als Soldaten?

Sie sind jung, gerade mal zehn, zwölf, 15 Jahre alt - aber in ihren Augen spiegeln sich Gräueltaten, die sie mitangesehen haben, Qualen, die sie anderen Menschen, anderen Kinder angetan haben. Das sind keine Kinderaugen, es sind erwachsene Augen, traurige und gleichzeitig wilde Augen, die Augen von kindlichen Killermaschinen - von Kindersoldaten.
Kinder im Bürgerkriegsland Sudan
© CAMILLA GENDOLLA
Kinder im Bürgerkriegsland Sudan
In vielen bewaffneten Konflikten auf der ganzen Welt spielen Kinder seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle. Von Regierungen, Rebellengruppen und Terrororganisation werden sie als Wachen, Träger, Spitzel, Plünderer, Minensucher, menschliche Schutzschilde und für sexuelle Dienste eingesetzt. Schätzungen großer Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International gehen von etwa 300.000 Kindersoldaten weltweit aus. Laut Human Security Report 2005 kämpfen in etwa 68 Prozent aller aktuellen Konflikte Kinder unter 18 Jahren. In vier von fünf Konflikten werden Unterfünfzehnjährige eingesetzt. Tatsächlich sind die jüngsten Kämpfer einem Bericht der Vereinten Nationen zufolge gerade mal acht Jahre alt.

Kinder mit Waffen in den Händen wird man auf fast jedem Kontinent antreffen können, allerdings scheinen Kinder im sub-saharischen Afrika besonders für die (Zwangs)Rekrutierung als Soldaten anfällig zu sein. Im Kongo, diesem riesigen zentralafrikanischen Land, das Joseph Conrad in seinem berühmten Roman einst als Heart of Darkness bezeichnete, kämpfen nach Angaben der Coalition to Stop the Use of Child Soldiers Kinder in den Truppen aller Konfliktparteien häufig direkt an der Front. Sie werden von Kommandanten und anderen Soldaten missbraucht und gezwungen, Grausamkeiten an Zivilisten zu begehen. Im zehnjährigen Bürgerkrieg, der das westafrikanische Land Sierra Leone verwüstete, waren 70 Prozent der Kämpfer unter 18. Viele von ihnen wurden bei Kriegsende 2002 von bewaffneten Gruppen aus dem benachbarten Liberia rekrutiert, um dort zusammen mit Rebellengruppen gegen den Despoten Charles Taylor zu kämpfen, der sich Anfang der 90er Jahre ebenfalls mithilfe einer jungen Rebellenarmee an die Macht gekämpft hatte.

AIDS-Waisen in Kenia
© CAMILLA GENDOLLA
AIDS-Waisen in Kenia
Auch im Mittleren Osten und Zentralasien waren Kinder bis vor kurzem an Kampfhandlungen beteiligt, etwa in Algerien, Aserbaidschan, Palästina, im Sudan und im Jemen. Allein im ersten Golfkrieg zwischen Irak und Iran starben nach Angaben der Brookings Institution etwa 100.000 iranische Kinder, und auch im Irak kämpfen heute 12-Jährige in der Mahdi-Armee des radikalen Schiitenführers Al Sadr. In Südamerika führt laut Coalition Kolumbien diese traurige Statistik mit etwa 14.000 Kindern in paramilitärischen oder Rebellengruppen an. Auch die Rebellengruppen auf dem Balkan und in Tschetschenien haben Kinder unter ihren Kämpfern.

Zwischen Armut, Abstumpfung und Abhängigkeit

Was treibt weltweit so viele Kinder in die Armee von skrupellosen Rebellenführern, Kommandanten und Paramilitärs? Wenn man bedenkt, dass in den betroffenen Regionen meist bitterste Armut herrscht, Familien durch Krieg und Flucht auseinandergerissen werden und die grassierende AIDS-Epidemie das Heer an Waisen stetig anschwellen lässt, kann man verstehen, warum so viele Kinder mit Essen, Schutz und Freundschaft geködert werden können. Andere wiederum fliehen vor einem gewalttätigen familiären Umfeld oder erhoffen sich, als Mitglieder einer Rebellengruppe Angriffe auf ihre Familien rächen zu können.

Bild der Verwüstung
© CAMILLA GENDOLLA
Bild der Verwüstung
Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) fand 2003 in einer Studie in Afrika heraus, dass 80 Prozent der befragten Kindersoldaten Zeugen von kämpferischen Auseinandersetzungen geworden waren, 70 Prozent mit ansehen mussten, wie ihr Haus zerstört und ihre Familie verjagt oder gar getötet wurde und drei Viertel ein Familienmitglied im Krieg verloren hatten. Aber Kinder werden nicht nur mit Essen und Schutz zu willigen Kämpfern gemacht. Damit sie nicht fliehen und zu ihren Eltern zurückkehren, sondern abstumpfen, werden viele Kinder gezwungen, Freunde, Nachbarn oder Familienmitglieder zu töten. Durch solche Taten und durch Indoktrination, aber auch mithilfe von Drogen sollen die kleinen Kämpfer jeden Bezug zu ihrem früheren Leben verlieren. Sie sollen absolut gehorchen und nur nch gegenüber ihrer Gruppe loyal sein. Nicht wenige von ihnen werden mit der Zeit abhängig von den Drogen, mit denen man sie gefühllos machen will, und damit auch abhängig von ihren Anführern.

Kleine Killermaschinen

Die massive Proliferation leichter Kleinwaffen hat es möglich gemacht, dass auch Kinder aktiv in bewaffneten Konflikten kämpfen. Da sie aber mangels physischer Stärke und Erfahrung gegenüber bewaffneten Erwachsenen im Nachteil sind, werden sie häufig gegen Zivilisten eingesetzt - auch gegen andere Kinder. Dabei stehen sie ihren älteren "Kollegen" an Grausamkeit in Nichts nach: sie plündern, quälen und ermorden ihre Opfer ebenso wahllos und ohne großes Zögern. Viele von ihnen sterben im Kampf. Nach Beendigung des Konflikts ist ihre Reintegration in die Gesellschaft schwierig: durch die Ermordung von Bekannten und Familienangehörigen und wegen sexuellen Missbrauchs stigmatisiert, an Gewalt gewöhnt und drogenabhängig sind viele traumatisiert und kaum fähig, ein "normales" Leben zu führen. Viele bleiben daher gewalttätig, schließen sich anderen Gruppen an oder kämpfen in Nachbarländern weiter.

Internationale Regelungen

1989 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Kinderrechtskonvention, die bis heute von allen Mitgliedstaaten (192) der UN außer den USA und Somalia ratifiziert wurde. Die Kinderrechtskonvention ist das erste rechtlich verbindliche internationale Dokument, das dem Kind eigene Rechte zuspricht. Weil die Konvention zwar generell das Kind als "jede Person unter 18 Jahren" definiert, Artikel 38 aber 15 als das Mindestalter für die Teilnahme an bewaffneten Konflikten nennt, wurde ein Zusatzprotokoll ausgearbeitet, das 2002 in Kraft trat.

Zu klein zum kämpfen
© CAMILLA GENDOLLA
Zu klein zum kämpfen
Ein Staat, der das Protokoll ratifiziert, muss sicherstellen, dass keine Kinder unter 18 Jahren direkt an Kampfhandlungen teilnehmen. Gleichzeitig verpflichten sich die Signatarstaaten, geeignete Maßnahmen zu treffen, damit auch nicht-staatliche Gruppen diese Regelung einhalten. Bisher haben 104 Staaten das Protokoll ratifiziert. Auch die Afrikanische Kinderrechtscharta fordert von ihren Unterzeichnern, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun, um die Rekrutierung und den Einsatz von Kindern unter 18 Jahren in bewaffneten Konflikten zu verhindern. Das Rom-Statut des Internationalen Strafgerichtshofs erkennt es seit 1998 zudem als Kriegsverbrechen an, Kinder unter 15 Jahren für staatliche und nicht-staatliche Streitkräfte zu rekrutieren oder sie direkt an Kampfhandlungen teilnehmen zu lassen. "Direkt" meint hier nicht nur das eigentliche Kämpfen selbst, sondern auch Aktivitäten wie Kurierdienste und Sabotage - ein wichtiger Fortschritt im Völkerrecht!

Alles nur heiße Luft?

Angesichts kaum sinkender Zahlen von Kindersoldaten muss man sich fragen, wie erfolgreich Konventionen sind, die dem Schutz von Kindern gewidmet sind und die viele, in manchen Fällen nahezu alle Staaten der Welt unterschrieben haben. Denn auch wenn die Kinderrechtskonvention und ihr Zusatzprotokoll die Staaten verpflichten, einer UN-Kommission in periodischen Berichten über ihre Fortschritte zu berichten und diese Kommission Kritik üben und konkrete Forderungen stellen kann, so gibt es doch kein System von Sanktionen, das bei Nichterfüllung greifen würde.

Aber die Einschränkungen sind noch weitreichender: um die Unterzeichung der Konvention und des Zusatzprotokolls durch so viele Staaten überhaupt erst zu ermöglichen, wurde ihnen die Möglichkeit eingeräumt, Vorbehalte zu bestimmten Artikeln einzureichen. So behalten es sich etwa viele islamische Staaten vor, die Konvention nur da anzuwenden, wo sie mit der Sharia vereinbar ist, andere erkennen ihre Gültigkeit nur im Rahmen ihrer nationalen Verfassung an. Kurz: allein aufgrund der Vorbehalte sind der Gültigkeit des Schutzes von Kindern Grenzen gesetzt - von der Nichterfüllung der vertraglichen Verpflichtungen einmal abgesehen.

Dennoch ist zu betonen, dass die Arbeit der Kinderrechtskommission und der zahlreichen NGOs, die sich dem Schutz von Kindern in bewaffneten Konflikten verschrieben haben, öffentliches Interesse für die Thematik und damit Druck auf die jeweiligen Regierungen schaffen, ihre Politik in dieser Sache zu ändern. Einige Staaten wurden so dazu bewogen, ihre Vorbehalte zurückzuziehen und sich aktiv für die Demobilisierung und Reintegration Demobilisierung und Reintegration ehemaliger Kindersoldaten einzusetzen.
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Artikel vom 4. April 2006

Kommentare über Kindersoldaten

Luise Sammann am 08.04.2006:
Toll recherchiert und super geschrieben!


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