C6 MAGAZIN
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ABHäNGIGKEIT 2.4.2006

Im Fixpunkt ist fixen erlaubt

Dealer, Junkies, herumliegende Spritzen: Wie in vielen Großstädten bereitete die offene Drogenszene auch in Hannover Probleme. Im Jahre 1997 wurde für diese etwa 200 der 6000 Drogensüchtigen in der Region Hannover der "Fixpunkt" eingerichtet, eine niederschwellige Einrichtung für Junkies.
Vikas Bapat (33) ist Koordinator im Fixpunkt
© ANNA HAGEMANN
Vikas Bapat (33) ist Koordinator im Fixpunkt
Niederschwellig bezieht sich auf die Voraussetzungen für das Klientel. Wer im "Fixpunkt" Hilfe sucht, kann auch im Drogen- und Alkoholrausch kommen und muss keinen Willen zeigen, seine Sucht aufzugeben. Viele andere Beratungseinrichtungen verlangen das und somit schließt der "Fixpunkt" eine wichtige Lücke - er "betreut" die offene Drogenszene und ist für Süchtige der erste kleine Schritt zur Therapie.

Nach Frankfurt und Hamburg wurde mit dem Fixpunkt der dritte "Druckraum" in Deutschland eingerichtet, mittlerweile gibt es deutschlandweit über 20 solcher Einrichtungen. Es handelt sich dabei um einen Raum, in dem Süchtige legal ihre mitgebrachtes Heroin und Kokain konsumieren können. Junkies konsumieren so oder so – ob sie einen legalen Ort dafür haben oder nicht. Der "Druckraum" bietet aber viele Vorteile. Die Stadt muss sich weniger stark um die Eindämmung der offenen Drogenszene am Hauptbahnhof kümmern und die Sozialarbeiter im Fixpunkt können so manches Leben retten. Vikas Bapat (33), Koordinator im Fixpunkt: "Wer sich auf der Bahnhofstoilette eine Überdosis verpasst, stirbt. Keiner kann ihm helfen." Im Fixpunkt sei jedoch immer sofort jemand zur Stelle und so konnten die Mitarbeiter im Jahre 2003 beispielsweise 81 Mal erfolgreich eingreifen.

Der Fixpunkt sorgt auch für die nötige Hygiene und bietet "Safer-Use"-Möglichkeiten. Süchtige nutzen oft mehrmals die gleichen Spritzen und desinfizieren sie nicht. Zum Aufkochen der Drogen müsse laut Bapat im Notfall auch Wasser aus Pfützen herhalten. Im Fixpunkt erhalten die Süchtigen saubere Löffel und Spritzen und können sich bei Entzündungen und offenen Wunden an eine Ambulanz mit Krankenschwester und Arzthelferin wenden.
Der Fixpunkt: Ein Treffpunkt für Drogensüchtige
© STEP-HANNOVER
Der Fixpunkt: Ein Treffpunkt für Drogensüchtige
Duch das Dealen mit "gestreckten" Drogen kommt es bei den Junkies zu gefährlichen Abszessen. Beim Strecken wird Heroin mit ähnlich aussehenden Substanzen vermischt, um eine größere Menge und somit einen größeren Gewinn beim Weiterverkauf zu erzielen. "Die mischen alles rein, was auch nur annähernd wie Heroin aussieht: Zitronenpulver aber auch Make-up und Schuhcreme", erklärt Bapat. Bei Verunreinigungen der Drogen reagiert der Körper mit entsprechenden Entzündungen.

Viele nutzen die unkomplizierten Behandlungsmöglichkeiten im Fixpunkt, bei anderen ist das Misstrauen gegenüber Ärzten so groß, dass sie sich auch im Notfall noch sträuben. So war ein Süchtiger im Jahr 2003 kurz vor der Amputation eines Arms. Er fiel durch sein schmerzverzogenes Gesicht auf, ließ aber niemanden an sich heran. Durch eine Überdosierung stürzte er nach einigen Wochen im "Druckraum" und fiel auf seinen Unterarm – ein 20 cm langer Abszess platzte auf und mehrere 100 ml Eiter liefen aus. Der Besucher wehrte sich auch dann noch gegen eine Behandlung durch den herbeigerufenen Notarzt und lenkte erst ein, als der Arzt drohte, einen richterlichen Beschluss einzuholen. Die Angst vor Ärzten und Behörden ist unter Drogensüchtigen weit verbreitet und es fällt ihnen schwer, Termine überhaupt einzuhalten, geschweige denn längere Zeit in Wartezimmern zu sitzen. Durch die Ausgrenzung an den Rand der Gesellschaft fassen sie nur schwer Vertrauen.

Vertrauen statt Moralpredigt

Im Fixpunkt drängt sich den Junkies niemand auf, es sei "kein primäres Ziel, die Süchtigen von den Drogen wegzuholen", sagt Bapat. "Würde ich das versuchen, müsste ich nach einem Monat aufgeben, weil ich meine Ziele nicht erreiche." Der Fixpunkt versuche zunächst einmal, Drogentote zu verhindern und die Leute zu stabilisieren. Wenn die Süchtigen diese Stütze durch die Mitarbeiter und Gespräche mit ihnen spüren, gebe es immer wieder einige, die sich zu einer Therapie entschließen. Sie werden dann an eine entsprechende höherschwelligere Institution vermittelt. So ist es für Bapat auch ein Erfolg, wenn er es schafft, jemanden von der Straße dazu zu bringen, regelmäßig zu duschen. "Für Junkies zählt nur der nächste Schuss, ihr Äußeres ist ihnen egal." Reinlichkeit ist nicht nur erträglicher für das Umfeld, das Duschen und Waschen der Kleidung im Fixpunkt erhöhe bei manchen Junkies auch das Selbstwertgefühl, wodurch sie eher den Wunsch verspürten von der Droge wegzukommen.

Junkies interessieren sich nur für den nächsten Schuss.
© PHOTOCASE
Junkies interessieren sich nur für den nächsten Schuss.
Der Fixpunkt bietet den Drogensüchtigen auch die Möglichkeit, günstig etwas zu essen und zu trinken und sich bei jeder Art von Problemen an Mitarbeiter zu wenden. So helfen die Mitarbeiter nicht selten bei der Wohnungssuche oder vermitteln bei Ärger mit den Behörden. Wenn jemand beim "Schwarzfahren" erwischt wurde, aber die Strafe von 40 Euro nur in monatlichen Raten von 10 Euro abstottern kann, versuchen die Mitarbeiter im Fixpunkt eine solche Ratenzahlung zu vereinbaren.

Konsequenz gegen Kontrollverlust

Der Verlust jeglichen Bezugs zur Gesellschaft der Junkies bringt oft Probleme mit sich. Regeln und Ordnung müssen befolgt werden, wer dagegen verstößt muss mit Hausverbot rechnen. Die Dauer des Hausverbots kann zwischen wenigen Tagen und "lebenslang" variieren. Eine Security-Person sorgt für dessen Durchsetzung und schreitet bei Krawallen und Bedrohungen der Mitarbeiter ein. Die Junkies können wegen Kleinigkeiten ausrasten. Auch wer nur fünf Cent zu wenig hat, um seine Cornflakes zu bezahlen, bekomme sie nicht. Gäben die Mitarbeiter hier nach, würde die Ausnahme zur Regel werden. "Sie schaffen es immer, den fehlenden Betrag aufzubringen. Meist wollen sie einfach nur nicht den nächsten vollen Euro anbrechen."

Auch die Polizei schaue täglich beim Fixpunkt vorbei, so Bapat. Um die Angelegenheiten innerhalb des Gebäudes müsse sie sich fast nie kümmern aber vor dem Gebäude werde immer wieder gedealt. Auch wenn im Druckraum Besitz und Konsum der Drogen legal sind, darf nicht damit gehandelt werden und außerhalb der Räumlichkeiten ist der Besitz strafbar. Die Polizei kontrolliert die Süchtigen vor dem Gebäude häufig, denn nachdem sie im Fixpunkt waren, sollten sie ihre Drogen aufgebraucht haben. Wer dann noch mit vollen Taschen erwischt wird, dealt mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Die Akzeptanz der Einrichtung sei relativ groß, da sie die Süchtigen von der Innenstadt und dem Bahnhof fernhält. Passanten könnten sich sicherer fühlen und würden seltener belästigt. Auch Straftaten gehen anscheinend zurück. Der eigentliche Zweck der Einrichtung ist jedoch ein anderer. Bapat: "Drogenabhängige will niemand haben aber wir wollen ihnen helfen, zurück in die Gesellschaft zu finden."
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Artikel vom 2. April 2006

Weiterführende Links
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Kommentare über Abhängigkeit

Philipp Barwind am 11.07.2006:
aleman02ar@yahoo.com.ar


Philipp Barwind am 11.07.2006:
Sehr geerte Frau Hagemann
Mein Name ist Philipp Barwind, lebe seit 6 Monate in der Dominikanischen Republik und halte dort neben dem normalen Reitunterricht auch Reitstunden (Equinotherapie) ab fuer ehemalige Drogensuechtige mit sehr viel Erfolg.

Jetzt meine Frage an Sie, da ich die Idee habe hier ein Rehabilitasioncenter aufzubauen, mit Hilfestellung aus Deutschland, ist meine Frage an Sie, haben Sie eine Idee an wen ich mich da wenden kann.

fuer eine Hilfe Ihrerseits, waere ich sehr dankbar.

Mit freundlichen Gruessen.

Philipp Barwind


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