C6 MAGAZIN
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FESTIVAL 28.8.2005

Die Schlammschlacht am Niederrhein

Franz Ferdinand, Mando Diao, Kaiser Chiefs... Das Programm des Haldern 2005 strotzte nur so vor großen Namen. Dementsprechend waren die Karten bereits nach kurzer Zeit vergriffen. Nach dem Sonnen-Abo der letzten Jahre wurde das Festival diesmal vom Regen heimgesucht. Und so mussten die Styler, die sonst in Krawatten und Anzügen tanzen, auf quietschgelbe Regenjacken umsteigen. Es ist an der Zeit das Festival noch einmal Revue passieren zu lassen.
Ricky Wilson von den Kaiser Chiefs
© BRAUEREI DIEBELS
Ricky Wilson von den Kaiser Chiefs
Irgendwann Ende Juli in einem sterbenden Club in der Dortmunder Nordstadt. Der hier schreibende Redakteur torkelt durch die Nacht und bekommt die Nachricht mitgeteilt, dass seine Lieblinge Ocean Colour Scene beim Haldern abgesagt haben. Großes Drama, den ganze Abend lang schweigend in der Ecke stehen und nur bei Ryan Adams reflexartiges Fusswippen ist angesagt. Alles wird gut, irgendwann kommen die schon noch wieder. Eine Woche später ist die Wunde halbwegs verheilt, das Urvertrauen in den Geschmack der Veranstalter, und die Erinnerungen an die tollen letzten Jahre siegen und ziehen einen an den Niederrhein.

Freitag
Während die meisten Besucher ihren Schlafplatz aufstellen, gibt es ohne Ankündigung im Zelt einen überraschenden Auftritt der Sportfreunde Stiller, die die Zuschauer an die Zeltwand rocken. Manche, die am Ort des Geschehens vorbeigehen, werden danach von einer Coverband sprechen. Die Zuschauer des Guerilla-Gigs werden nach dem Auftritt über beite Ohren strahlen. Einer der glücklichen Besucher schwärmt danach von einem der besseren Sportfreunde Konzerte. Er habe längst das Interesse an der Band verloren, aber an dem Tag wären sie toll gewesen.

Regenjacken + tanzende Menschen = Haldern 2005
© BJOERN BEWERSDORFF
Regenjacken + tanzende Menschen = Haldern 2005
Millionaire beginnen auf der großen Bühne rockig gut, jedoch weniger wüst und flippig als vor zwei Jahren. Art Brut geben sich alle Mühe, scheitern aber über Strecken an dem Wetter, das nur eine kleine Menge vom Tanzen nicht abschrecken kann. Bei den Kaiser Chiefs sind bereits einige mehr aklimatisiert. Die mitreissende Performance und die großartigen Songs der Band machen es auch überaus einfach, das Wetter zu vergessen. Die Zeile Oh my god, I can't believe it I've never been this far away from home wird zur Haldern-Hymne des Jahres und von vielen nach dem Festival als Souvenir im Ohr mit nach Hause genommen.

Was folgt sind Nada Surf, die zumindest mit den alten Songs überzeugen können. Das neue Material wirkt wie ein herzlos langweiliger "Let Go" Abklatsch. Zumindest geht jedoch für kurze Zeit die Sonne auf. Kaizers Orchestra feiern sich und den Kaizer wie schon vor zwei Jahren mit einer beeindruckenden Rockshow und Ölfässern als Percussion-Instrumente. Alles in allem soweit ein guter, aber kein übergroßer Haldern-Tag, an dem es gilt, sich an das Wetter zu gewöhnen und nicht auf die Fresse zu legen.


© BRAUEREI DIEBELS
Es folgt der Hauptact Franz Ferdinand. Die Schotten spielen vor einer dezent schicken Bühnendeko. Die langerwarteten neuen Songs wirken solide, wollen jedoch nicht wirklich von den Regenstiefeln hauen. Beeindruckender ist schon der Auftritt von Saybia. Die Dänen spielen ihre schönen Stücke ohne große Show und lassen den Tag auf der großen Bühne damit ruhig ausklingen.

Die wahren Highlights des Tages setzen Zita Zwoon und British Sea Power. British Sea Power spielen sich bei ihrem XXL-Auftritt in einen Rausch und liefern sich mit den Zuschauern am Ende eine Zwiebel-Wurfschlacht. Bei der kleinen Pressekonferenz am nächsten Tag spricht der Veranstalter von einem denkwürdigen Auftritt. Etwas Großartiges sei da passiert. Wer´s verpasst hat, trauert heute noch.

Samstag
Nach einer kurzen Nacht begrüßt einen die Sonne. Doch während die Hobbyteams beim kleinen Fußballturnier kicken, kommt bereits das erste Gewitter auf. Der Regen lässt auch nicht auf sich warten und kurze Zeit später - pünktlich zum Auftritt von St. Thomas - ergibt das ganze wieder mächtig viel Matsch. Trotzdem spielt Thomas Hansen gutgelaunt einige alte Stücke und präsentiert viele Songs seines kommenden Albums "The Children Of The New Brigade". Der Gedanke an Neil Youngs "Heart Of Gold" kommt da tatsächlich immer mal wieder. Am Ende sammelt er mit seiner Band Sympathiepunkte, weil er seine Platten persönlich vor der Bühne verkauft.

St.Thomas empfängt den Regen
© BRAUEREI DIEBELS
St.Thomas empfängt den Regen
Und dann kommt er doch! Der ungewohnte Moment, an dem man sich beim Haldern Festival zwischen zwei parallel spielenden Bands entscheiden muss. The Coral oder die verspätet in das Zelt verschobenen Magic Numbers? Die Coral Fans erleben ihre Lieblinge jedenfalls scheinbar tatsächlich ohne Drogeneinfluss, während die Magic Numbers endlich richtig viel Sonne in die Herzen der Zuschauer zaubern.

The House Of Love können über weite Strecken überzeugen. Songs wie "Christine" oder "Shine On" sitzen auch nach vielen Jahren noch. Manches tröpfelt, passend zum Wetter, jedoch nur so vor sich hin. Plötzlich geht der Sänger von der Bühne. Die Band guckt verduzt und folgt ihm irgendwann. Der Auftritt ist vorbei.

Tocotronic wirken überraschend frisch und liefern mit Abstand die denkwürdigsten und deutlichsten Ansagen ab. Da wird "Aber Hier Leben, Nein Danke" als ein Cover von "Heimatlied" angesagt und irgendwann kurz "Deutschland halt´s Maul" in die Zuschauermassen geschmettert. Musikalisch rocken die Tocos wie lange nicht mehr und überzeugen mit einer gewaltigen Gitarrenwucht.

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Als Bonustrack gibt es noch für diejenigen, die sich früh genug vor dem 600-Man-Zelt aufgestellt haben und noch auf beiden Beinen stehen können Emiliana Torrini und Francoiz Breut. Die tolle Atmosphäre im Zelt kommt bestens zu tragen und insbesondere Frau Breut liefert einen wunderschön ruhigen Abschluß des Festivals. Eine ältere Frau tänzelt langsam mit geschlossenen Augen vor der Box und erklärt den Auftritt der französischen Songwriterin später zu ihrem Highlight des Festivals.

The Aftermath
Die Beine sind müde, das Zelt weit weg, die Augen sehen nur noch Dunkelheit und hier und da eine gelbe Regenjacke vorbeigehen. Fast schon möchte man auf den Morgen warten, der kann ja nicht ganz so weit weg sein. Irgendwo wird die Sonne rauskommen, und auf die ist immer verlass. Na ja, nicht an diesem Wochenende. Plötzlich erscheint sie im Licht der Beleuchtung vor den Dixiklos. Ein tolles Mädchen! Die Hose ist bis zu den Knien vollgesaut, ihre Hände tief in den Taschen des Parka vergraben, von den Schuhen ist längst nichts mehr zu sehen und die Augenfarbe nicht wirklich erkennbar, aber mein Gott! Das Zitat come be my waitress and serve me tonight / serve me the sky with a big slice of lemon rast unkontrolliert durch den Kopf. Trotzdem, zu erschöpft, um den fröhlich gegen die Wand tuckernden Wagen mit dem eigenen Herz auf die Abbiegerspur zu lenken. Außerdem sieht man sich ja spätestens beim nächsten Haldern wieder. Garantiert!
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Artikel vom 28. August 2005

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