C6 MAGAZIN
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LITERATUR ZUR WM 25.5.2006

Auf der Spielwiese der Wortakrobaten

In seinem Wörterbuch „Fußballdeutsch“ versammelt der deutsche Autor Ulf Geyersbach alte und neue Begriffe der Fußballwelt. Im Interview mit dem C6 MAGAZIN erzählt er in seiner humorvollen Art nicht nur, warum er unbedingt einmal ein Wörterbuch schreiben wollte und was an seinem so besonders ist. Er berichtet uns unter anderem auch, warum Fußball zu einer seiner Leidenschaften zählt und welche Erwartungen er von der WM hat.
"Fußballdeutsch" - ein Muss für alle Wortesammler und Fußballversteher
© ULLSTEIN-VERLAG
"Fußballdeutsch" - ein Muss für alle Wortesammler und Fußballversteher
Herr Geyersbach, die Fußballweltmeisterschaft steht vor der Tür und Fußballfieber hat sich breit gemacht. Sie haben pünktlich zu diesem Großereignis ein Wörterbuch mit dem Titel "Fußballdeutsch" herausgebracht. Woher kam die Idee dazu?

Es ist ein Kindheitstraum, ein Wörterbuch zu schreiben, weil ich von kleinauf mit Wörterbüchern gequält worden bin. Sie waren weder korrekt noch unterhaltsam und erhellend. Konkret hatte ich die Wahl zwischen einem neophönizischen, einem Wörterbuch des botanischen Hochchinesisch oder einem Fachwörterbuch der niederdeutschen Binnenschiffersprache. Aus rein praktischen Gründen habe ich mich für ein Wörterbuch der Fußballsprache entschieden, denn es erlaubte mir über Jahre mit Bleistift, Block und den moderneren Aufzeichnungsgeräten zu Hause und in diversen Schankeinrichtungen des Landes Fußballspiele zu verfolgen und mich durch Berge fußballhistorischer Literatur zu wühlen, sowie diverse Fachblätter täglich zu konsultieren. Kann man sich einen schöneren Arbeitsplatz denken? Sie glauben gar nicht, welchen physischen Neid man damit bei Mitmenschen erntet, die ihren Arbeitstag in Banken, Krankenhäusern oder Ämtern verleben.

Es gibt inzwischen viele Wörterbücher zu interessanten Sprachphänomenen. Was ist aber das Besondere am Fußballdeutsch?

Es ist ein gleichsam sehr altehrwürdiges Sprachmuseum, in welchem sich solche seltenen Findlinge wie "lichterloh", "wieselflink" und "hacke"' herumtreiben. Das sind teils sehr alte oder sehr vom Aussterben bedrohte Wörter. Gleichzeitig ist es aber auch eine Spielwiese des peinlichsten neuerlichen Wortramsches, so von Begriffen wie "matchworn" über "public viewing" bis "matchwinner" die Rede ist. Also für einen Mnschen wie mich, der sich als melancholischer Romantiker im Gewande des neumodernen Gegenwartssammler durch den Alltagsschrott treiben lässt. Ein geradezu ideales Betätigungsfeld. Es ist so herrlich sinnfrei, jeder kann mitreden und jeder tut es. Es bilden sich Wörter aus, die die Welt nicht braucht und solche, die unverzichtbar Abend für Abend über den Bildschirm rollen. "Fußballdeutsch" ist zugleich der größtmögliche verbale Ernstfall und eine der wenigen Sprachen unserer an Sprachen reichen Welt, die über alle Schichten und weltanschaulichen Grenzen hinweg Einigkeit stiftet. Kann es etwas Schöneres geben? Es ist das Ideal von Sprache und die traurige Wirklichkeit des Dauerschnarrens aller gegen allen.

In Ihrem Buch suchen sie auch unter anderen eine Erklärung für das komplizierte Abseits. Sie finden eher in der Literatur, bei Grimm und Goethe, Antworten. Warum ist es so schwer, für Abseits und andere ähnlich abstrakte Begriffe im Sport eine eindeutige und verständliche Antwort zu finden?

Der Sport ist ein sehr später Nachrücker der Sprachentwicklung, ein erst vor einigen Jahrzehnten und dann sehr mächtig auf den Plan gerückter Sprachkosmos. Er kann kaum anderes tun, als sich rechts und links vorhandener Wörter zu bedienen. So zum Beispiel aus dem Bergmanndeutschen, der Militärsprache, der Landwirtschaft; aus der Wirtschaft, dem Recht und nicht zuletzt aus angrenzenden, älteren Sportarten sowie noch weiteren Bereichen. Dass dabei in der Vergangenheit oft etwas schief gegangen ist, dass hier die unterschiedlichsten Sprachsphären zusammenlaufen und dass sich hier hinter jedem Begriff eine ellenlange Geschichte verbirgt, versuche ich in "Fußballdeutsch" zu zeigen. Davon abgesehen ist das Abseits weder kompliziert noch abstrakt. Es ist sprachlich schlicht eine wenig gelungene Eindeutschung des englischen Begriffs offside.

Neben den WM-Spielen, wird von den Veranstaltern auch ein großes, abwechslungsreiches kulturelles Angebot präsentiert. Warum gehören Fußball und Kunst inzwischen zusammen?

Ich glaube nicht, daß Fußballopern, Fußballmusicals und Fußballtheaterstücke, gar kulturelle Programmfolgen, die sich meist wortwitzelnd 'Ball of fame', 'Viererkette' oder 'Sturmspitzen' nennen, irgendetwas mit Fußball zu tun haben. Das sind Versuche, ein sehr verkaufsträchtiges Produkt wie eine Fußballweltmeisterschaft Bevölkerungsgruppen nahe zu bringen, die sich sonst eher für Opern, Musicals und Theater interessieren. Das ist ein ehrenwerter Versuch, nur haben die Produkte meist kaum etwas mit Kultur zu tun. Und wer die Programme und Ankündigungen liest, dem stülpen sich die Fingernägel auf ob der Wortwuseleien, die dort zu registrieren sind. Mich hingegen freut es, denn auch diese Begriffe lasse ich in "Fußballdeutsch" einfließen, genauer gesagt im Mitmachkabinett meiner Seite www.fussball-deutsch.de. Dort wird selbst in den kommenden Wochen ein WM-Wörterbuch 2006 entstehen.

Laut Ihrem Buch, haben Sie selbst einmal Fußball gespielt. Sogar recht erfolgreich. Hatten sie, wie viele andere fußballbegeisterte Jungen, auch den Traum, für die deutsche Nationalmannschaft zu kicken?

Mein Traum war es, einmal den schundigen, schuftigen, schlackigen Ackerplätzen der Kreisliga zu entkommen. Neben solchen sehr konkreter Wirklichkeiten war mein Traum nach einem Nationalspielerdasein aus sehr griffigem Holz geschnitzt und auf das Endspiel 1986 hin zugedrechselt. Der größte Alptraum in meiner inzwischen über zwanzig Jahre langen Karriere als Fernsehfußballer: Ich hätte bemerkt, dass am Mittelkreis nach dem 2:2 Valdano, Maradona und vor allem der siegesgewaltige Burruchaga das tödliche 3:2 aushecken. An mir wären sie nicht vorbeigekommen!

Sie leben seit längerem in Berlin. Werden Sie sich die Zeit nehmen, ein paar Spiele auch live anzusehen? Oder ziehen Sie sich eher zurück?

Ich werde alle Spiele verfolgen. Selbstredend live, selbstredend auf dem Tele- oder Videotext, der meinerseits seit Monaten liebsten, reinsten und hinterlistigsten Form der aktuellen Fußballbetrachtung. Leider nur eine Idealvorstellung, denn um meine Wohnung herum werden sich nicht weniger als drei Orte etablieren, an denen Hunderte von Mitbürgern den von der Fifa geprägten Ausdruck "Feel the fan spririt!" mit Leben füllen. Ich werde also die Flucht nach vorne antreten. Aus sozialen Gründen wird sich die eine oder andere Ansicht eines Spieles auf einer Großbildleinwand mit anderen biertrinkenden "ball-feverern" (Anm. d. Red.: Ulf Geyersbach meint damit all die Menschen, die dem Fußballfieber verfallen sind.) nicht vermeiden lassen. Denn anders als bei Sepp Herberger, für den Fußball alles andere als Spaß war, soll das Amüsement ja nicht zu kurz kommen, oder?

Herr Geyersbach, die letzte Frage! Wer wird 2006 in Deutschland Weltmeister, wer hat die größten Chancen?

Das Herz sagt Tschechien, der Verstand Brasilien. Die Erfahrung sagt Deutschland.

Vielen Dank für das Interview!

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Artikel vom 25. Mai 2006

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