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LITERATURBEWEGUNG 5.10.2005

Popliteratur?

An sich ist der Begriff Popliteratur eine undefinierte Variable. Da dürfen unterschiedliche Autoren wie Nick Hornby, Michel Houellebecq, Frederic Beigbeder, Christian Kracht oder Frank Goosen zu gezählt werden. Was sie gemeinsam haben? Nicht viel. Oder doch? Eine Annäherung an das Thema.

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Popliteratur ist tot. An sich stehen wir im Jahr 2005 nur noch vor Trümmern der Bewegung, die Anfang der 90er von der einen Hälfte der Literaturwelt als das Neue Heilmittel der Literatur angepriesen und von der anderen Hälfte als eine Hülle ohne Inhalt, die nur auf Provokation aus ist, verhasst wurde. Das anfängliche Spiel mit den Erwartungen finden wir nur noch vereinzelt. Der Großteil der Literatur, die heutzutage als Popliteratur bezeichnet wird, ist schlichte Trivialliteratur, die Jugendthemen aufgreift und Popmusik mit Liebe mischt. Der Groschenroman für die Generation X also. Ganz ausgestorben sind sie Popliteraten der Anfänge jedoch nicht. Hier und da treffen wir noch auf einen neuen Roman von Frederic Beigbeder oder Bret Easton Ellis, die am Konzept der Popliteratur festhalten. Doch worin besteht das Konzept?

Ästhetik rules, oder so
In Glamorama war Entpolitisierung der Kernbegriff. Eine Terrororganisation, die nicht für den Weltfrieden, soziale Gerechtigkeit oder irgendwelche politischen Zwecke bombt, sondern schlicht der Ästhetik willen. Gebombt wird nur im edlen Rahmen und die Opfer des Terrors heißen beispielsweise Claudia Schiffer. Diese Entpolitisierung wurde auch von den deutschen Pop-Literaten aufgegriffen. Da wurde die Sehnsucht nach einem Krieg, bei der Diskussion im Berliner Adlon, zur Sehnsucht nach Handlung und etwas Neuem. Und der Protagonist in Christian Krachts Roman "1979" freut sich einen Keks, wenn er am Ende des Romans in einem Konzentrationslager merkt, dass er endlich etwas abgenommen hat.

Provokation.Ohne.Potential?

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Natürlich spielt Provokation eine große Rolle in der echten Pop-Literatur. Literatur erleben dürfen ist da das Stichwort. Wenn Bret Easton Ellis in seinen Romanen Flugzeugkatastrophen oder Morde detailiert beschreibt, dann tut er es nicht nur um die Sittenwächter zu provozieren. Im Roman "American Psycho" verfolgt er den Alltag eines Mörders, der die meiste Zeit über brav einen langweiligen Yuppie-Alltag erlebt. Über ein hundert Seiten lang quält sich der Leser durch den Stoff und verflogt den Langweiler beim Zähneputzen oder Aufzählen von Mineralwassermarken. Was dann wie aus dem Nichts kommt ist Mord, Adrenalin und ganz viel Blut. Der Stoff, der ihn aus seinem drögen schicken Leben ausbrechen läßt und uns schockt. Extremsituationen, denen ebenfalls der Leser bei der Rezeption ausgesetzt wird. Der Kontrast aus Langeweile und Blut verschärft den Eindruck zudem noch um einiges.

Was heißt Pop auf Deutsch?
Die Kernbücher der deutschen Popliteratur sind mit Sicherheit Christian Krachts "Faserland" und Benjamin von Stuckrad-Barres "Soloalbum". In dem ersteren reist ein Ich-Erzähler durch Deutschland. Auf amüsante Art wird die Reise des reichen Protagonisten beschrieben. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er auch mal ein fieses Arschloch sein darf. Auffällig sind bei der Erzählung insbesondere die häufigen Markennamen und der Sinn für´s Detail, den wir auch bei den amerikanischen Vorbildern (ja nun, sind es denn welche?) wiederfinden. Historisch werden da Erinnerungen an Thomas Mann wach, der ebenfalls für seine detailierten Beschreibungen (beispielsweise in "Buddenbrooks") bekannt war. Ebenso viele Details verwendet Benjamin von Stuckrad-Barre, dessen Protagonist - die arme Journalistensau - von seiner Freundin verlassen wurde. Als Heilmittel dient Pop-Musik.


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Beide leben davon - und zielen darauf hin - das Deutschland der Gegenwart in Bilder zu fassen. Wie bei der Pop-Art von Warhol werden Elemente der Gegenwart zu Bildern zusammengefügt. Im Falle der Pop-Literatur sollen die Bilder jedoch besonders stimmig und Realitätsnah sein. Verzerrungen haben da nichts zu suchen. Da darf die nervige Besucherin der Party in Stuckrad-Barres "Soloalbum", in den Vorstellungen des Protagonisten, keine Schlagermusik hören und ein Led Zeppelin Poster hat da an ihrer Wand nichts zu suchen. Das würde nicht passen. Sie muss Pearl Jam lieben und Pippi Langstrumpf Poster hängen haben. Klischees, die jeder potentielle Leser im Kopf hat, müßen da herhalten. Der enorme Erfolg von "Soloalbum" brachte natürlich einen Stein ins Rollen, der selbst heute noch nicht ausgerollt ist. Romane, die das Pop-Leben zum Thema hatten oder eine provokante Figur als Ich-Erzähler in den Mittelpunkt stellten waren hip. Büchercover mit Schallplatten, CDs oder Tapes pflasterten die Buchregale der Händler. Nur selten gelang es den Autoren jedoch der Bewegung etwas Antrieb zu geben oder einen tatsächlich konstruktiven Beitrag zur Gegenwartsliteratur abzuliefern. Als Halbwegs gelungene und eigenständige Ausnahmen könnte man die Sammlung "Irgendwie alles Sex" von Matthias Altenburg und einige Beiträge von Sibylle Berg bezeichnen.

Und wo soll´s nun hingehen?
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Ist Sven Regeners Literatur Pop? Und wenn ja, warum? Weil er nebenbei Pop macht? Weil seine Geschichte um einen Ich-Erzähler herum gebaut ist? Weil er aktuelle Themen aufgreift? Und was ist mit Nick Hornby?

Vielleicht ist Pop ja der Versuch den Gedanken der Moderne weiterzuspinnen und eine Stufe weiterzugehen. Was erwartet uns schließlich nach der Post-Moderne? Post-Post-Moderne? Oder sind wir schon am Ende angelangt? Da kommen die Autoren, die die literarische Freiheit eines Beckett oder Joyce weiterspinnen, einen Beitrag zum aktuellen Geschehen abliefern und es sich erlauben auch mal zu langweilen oder mit dem Leser und seinen Erwartungen zu spielen, durchaus recht. Wie auch immer wir das Anagram Pop auch wenden. Pop bleibt Pop und wird vermutlich in ferner Zukunft in Kindlers Literaturlexikon als die "Literaturbewegung, die um die Jahrtausendwende herum das sagen hatte" angepriesen. Werke wie "American Psycho" oder Douglas Couplands "Generation X" finden wir jetzt schon (zurecht) in dem ein oder anderen Kanon der Weltliteratur.
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Artikel vom 5. Oktober 2005

Weiterführende Links
- Bret Easton Ellis : http://www.breteastonellis.com/

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